Wal-Drama in der Ostsee: Spezialwerkzeug für Rettungseinsatz entwickelt
Bei Boltenhagen waren die Meeresschützer von Sea Shepherd Deutschland erneut im Einsatz, um einen Wal von Netzresten zu befreien. Der Wal, der Anfang März im Wismarer Hafen auftauchte, hatte sich offenbar erneut in einem Netz verfangen. Die Organisation hat nun ein Spezialwerkzeug entwickelt, das bei der nächsten Befreiungsaktion helfen soll.
Mehrfache Sichtungen und Rettungsversuche
Seit dem ersten Rettungseinsatz im Wismarer Hafen am 3. März 2026, an dem Mitglieder der Wismarer Berufsfeuerwehr, Fachleute aus der Meeresbiologie, Sea Shepherd Deutschland, die Wasserschutzpolizei und das Wasser- und Schifffahrtsamt beteiligt waren, wurde der Wal mehrfach an der Ostseeküste gesichtet, unter anderem bei Boltenhagen. Als eine Sichtung gemeldet wurde, machten sich die Meeresschützer sofort mit ihrem Schlauchboot „Sea Fire“ auf den Weg. Es gelang der Crew, sich dem Tier zu nähern und mithilfe eines Linecutters ein weiteres Stück der Leine zu entfernen.
Die Leinen, die sich um den Körper des Wals gewickelt haben, bergen eine große Gefahr für das Tier. Da der Wal noch relativ jung ist und weiter wachsen wird, könnten sich die Leinen tief einschneiden und schwere Verletzungen verursachen, wie Florian Stadler von Sea Shepherd Deutschland erklärt. Leider befindet sich noch immer ein Teil der Leine mit Netzresten am Körper des Wals, was die Entfernung aufgrund der Position unter dem Tier besonders schwierig macht.
Erneutes Verfangen und Entwicklung von Spezialwerkzeug
Eine Woche nach seiner ersten Sichtung im Wismarer Hafen hat sich der Wal offenbar erneut in einem Fischernetz verfangen. Am 10. März 2026 beobachtete eine Passantin das Tier nordöstlich von Steinbeck. Die Wasserschutzpolizei Wismar stellte fest, dass sich ein rund zehn Meter langer Wal in einem Netz verfangen hatte. Der Fischer holte das Netz ein, durchtrennte es, und der Wal konnte sich seewärts bewegen. Die am Körper sichtbare Leine deutet darauf hin, dass es sich um dasselbe Tier wie in Wismar handelt.
Seit dieser Sichtung westlich von Boltenhagen wurde der Wal nicht erneut gesichtet. Die Meeresschützer sind jedoch für eine weitere Befreiungsaktion gewappnet. Schiffsführer Carsten Manheimer hat ein Spezialwerkzeug entwickelt, das bei der nächsten Gelegenheit helfen soll, den letzten Netzrest zu entfernen. „Das Spezialwerkzeug ist wie ein Gurtschneider aufgebaut, nur etwas größer, damit die Leine vom Stellnetz, die sich um den Wal gewickelt hat, hineinpasst und schnell entfernt werden kann. Es sieht im Prinzip aus wie ein großer Haken mit innenliegenden Klingen, damit der Wal unter keinen Umständen versehentlich verletzt werden kann“, schildert Manheimer. Dieser überdimensionale Gurtschneider ist an einem circa drei Meter langen, ausziehbaren Bootshaken befestigt.
Bereitschaft für weitere Einsätze
Die Organisation betont, dass sie weiterhin ihr Bestes tun wird, um den Wal von den restlichen Stellnetzteilen zu befreien. Das Team steht bereit und wartet auf aktuelle Standortmeldungen, um einen erneuten Versuch zu starten. Sichtungen können über die Instagram-Seite der Organisation, per E-Mail oder bei der örtlichen Wasserschutzpolizeidienststelle gemeldet werden.
Carsten Manheimer erklärt, dass die Crew nach Erhalt einer Sichtungsmeldung schnell mit ihrem Schlauchboot aufbrechen kann. „Wir würden dann direkt zum Wal fahren, ihn zunächst beobachten und die Durchführbarkeit eines Einsatzes sorgfältig abwägen. Sollten die Bedingungen gut sein, würden wir uns dem Wal nähern und versuchen, die Leine, die er noch hinter sich herzieht, zu bekommen und uns daran Richtung umwickeltem Stellnetz vorzuarbeiten. Dann sollte der Bootshaken mit dem Spezialwerkzeug lang genug sein, damit wir damit zwischen Wal und Netz kommen, um es zu zerschneiden und so vollständig zu entfernen“, so der Schiffsführer. Entscheidend für einen erneuten Versuch sind das Befinden und Verhalten des Wals sowie die aktuellen Wetterbedingungen, der Seegang und die Lichtverhältnisse.
Unklare Walart und gesundheitliche Bedenken
Derweil sind sich die Experten vom Deutschen Meeresmuseum Stralsund nicht endgültig sicher, um welche Walart es sich bei dem Besucher an der Ostseeküste handelt. Zunächst gingen die Wissenschaftler davon aus, dass es sich um einen Finnwal handelt. Inzwischen liegt jedoch weiteres Bild- und Videomaterial vor. „Auf den neuen Aufnahmen sind Erhebungen auf den aus dem Wasser ragenden Körperbereichen erkennbar, die typisch für einen Buckelwal sein können“, heißt es vom Meeresmuseum. Gleichzeitig zeigt die Haut des Tieres eine ungewöhnliche Struktur, die möglicherweise durch Pilze oder andere Mikroorganismen verursacht wird. Der Wal wirkt zudem schlanker als ein gesunder Buckelwal, was auf einen schlechten Ernährungszustand hindeuten könnte.
„Für eine eindeutige Bestimmung der Art fehlen bisher Aufnahmen der Brustflossen, deren Länge im Verhältnis zur Körpergröße ein wichtiges Merkmal ist.“ Fest steht jedoch, dass es sich um einen Bartenwal handelt, sowohl Buckelwale als auch Finnwale gehören zu dieser Gruppe. Die Meeresschützer bleiben weiterhin wachsam und hoffen auf eine erfolgreiche Befreiung des Wals von den gefährlichen Netzresten.



