Mia, 15: Rückwärtssalto auf Rädern bei Masters of Dirt – Eine junge Freestyle-Profibikerin im Porträt
Zwölf Meter hoch – das entspricht etwa einem dreistöckigen Haus und ist die Höhe der Startrampe, die Mia später mit ihrem Fahrrad erklimmen wird, um mit Karacho hinunterzufahren. Bei der spektakulären Action-Show »Masters of Dirt« springen Radprofis über meterhohe Schanzen und vollführen atemberaubende Stunts in der Luft. Manche Teilnehmer starten auf Motorrädern oder Quads, andere auf Fahrrädern oder Inline-Skates. Mias treuer Begleiter ist ein sogenanntes Dirtbike, eine spezielle Art von Mountainbike mit tieferem Rahmen.
Von Downhill zu Dirt-Jumping: Mias Weg in die Profi-Szene
»Ich mag Sportarten, die nicht jeder macht«, erklärt die 15-jährige Österreicherin. Vor etwas mehr als vier Jahren begann sie mit der Disziplin Downhill, bei der es darum geht, möglichst schnell einen Berg hinunterzufahren, mit steilen Abschnitten und engen Kurven. Eine Variation davon ist das Dirt-Jumping, bei dem Sportler mit ihren Fahrrädern über Lehmhügel springen. Zu ihrem zwölften Geburtstag bekam Mia ein Dirtbike und übte immer mehr Stunts. Beim Training lernte sie Georg Fechter kennen, den Gründer von »Masters of Dirt«. »Als er mich fragte, ob ich Lust hätte, Teil der Show zu sein, musste ich keine Sekunde überlegen – klar hatte ich Lust«, erzählt Mia. Seitdem tritt sie regelmäßig bei Shows in verschiedenen Ländern auf.
Training und Vorbereitung: Hinter den Kulissen der Tour
DEIN SPIEGEL traf Mia zum diesjährigen Tourstart in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens. Während die Arena vorbereitet wird, bilden Startrampe und Sprungschanze eine U-Form. Riesige Airbags werden aufgepustet, um die Profis bei Stürzen zu schützen. Sechs Lkw transportieren das Equipment zu jeder Show, Dutzende Helfer bauen alles auf und ab. Da die meisten Auftritte am Wochenende stattfinden, verpasst Mia fast keinen Unterricht. Geprobt wird direkt vor den Shows, weshalb sie und das Team bereits am Vorabend aus Wien angereist sind. Zu Hause trainiert Mia überwiegend in einem Bike-Park auf speziellen Pumptracks, die aus vielen aufeinanderfolgenden Lehmhügeln bestehen. »Die Bedingungen dort sind komplett anders als hier. Alles voller Lehm, aber keine meterhohe Schanze«, sagt Mia.
Der Lieblingstrick: Backflip und die Herausforderungen
Ihr Lieblingstrick ist der »Backflip«, ein Rückwärtssalto. »Sieht kompliziert aus. Aber eigentlich muss man sich nur nach hinten kippen lassen und Körperspannung halten«, erklärt Mia. Um einen neuen Stunt zu üben, schaut sie sich Videos von anderen Bike-Profis an. »Und dann einfach so lange probieren, bis es klappt.« Vor der Probe steht ein Physiotermin an, da ein Physiotherapeut das Team während der Tour begleitet. Mia zieht ihre Schutzkleidung an: Knie- und Ellbogenschoner, Protektoren über Brust und Rücken, darüber ihr neues Trikot und eine weite Jeans. »Mal sehen, wie lange die mitmacht. Meine Hosen reißen dauernd«, sagt sie lachend.
Höhenangst und Teamgeist: Die mentale Seite des Sports
Die Sportler steigen die 60 Stufen der Startrampe hoch, eine Konstruktion aus aneinander befestigten Leitern, die mit zunehmender Höhe schwankt. Mias Tipp gegen Höhenangst: »Volle Konzentration aufs Ziel, einfach machen. Dieser Sport ist vor allem Kopfsache. Das Gefühl, wenn man sich überwunden hat, ist unbeschreiblich.« Oben gibt ein Mann mit Headset das Startzeichen. Mia schießt mit Schwung über die Schanze, klemmt das Fahrrad zwischen die Beine und streckt für einen kurzen Moment die Arme zu beiden Seiten – ein Trick namens »Suicide-No-Hander«. Die Downhill-Szene ist eher männlich dominiert, was Mia manchmal zu Selbstzweifeln verleitet. »Alle, die hier mitfahren, haben echt viel drauf. Wenn ich Selbstzweifel habe, erinnert mich mein Papa daran, dass ich nicht ohne Grund hier bin und an mich glauben muss. Zum Glück sind alle im Team so hilfsbereit, ich kann jede Menge lernen.«
Stürze und Comeback: Die Risiken des Extremsports
Bei der Probe misslingt eine Landung, Rad und Fahrerin kommen seitlich auf. »Der Airbag, auf dem wir landen, sieht weich aus. Deshalb wirkt es so, als ob Stürze nicht wehtäten. Aber das stimmt nicht«, sagt Mia und reibt sich den Rücken. »Hauptsache, das Bike fällt nicht auf den Körper. Lenker und Pedale will man nicht mit voller Wucht in den Körper gerammt kriegen.« Ihr schlimmster Sturz passierte vergangenen Sommer, als sie sich den Fuß brach und ein halbes Jahr aussetzen musste. »Es war schlimm, so lange nicht trainieren zu können. Ich konnte es kaum erwarten, wieder loszulegen«, erzählt sie. Heute ist Mias erster Auftritt nach der unfreiwilligen Pause.
Die Show: Spektakel vor Publikum
Die Halle füllt sich, es riecht nach Popcorn, und auf Leinwänden läuft Werbung. Sind Tricks vor Publikum schwieriger? »Wenn ich auf dem Startturm stehe, blende ich alles um mich herum aus. Erst nach dem Sprung höre ich den Applaus und realisiere, wie viele Menschen mir zusehen«, sagt Mia. Die Show beginnt mit Scheinwerfern, die die Arena in rotes und lila Licht tauchen, und lauter Musik. Im Finale springen alle Radprofis nacheinander mit nur wenigen Sekunden Abstand. Mia startet als Letzte, fliegt durch die Luft und legt einen sauberen Rückwärtssalto hin. Unten wird sie von den anderen Sportlern empfangen, alle klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Der Backflip hat geklappt, doch mit der Landung ist Mia nicht ganz zufrieden. »Jetzt heißt es: üben«, sagt sie und zuckt die Achseln. »Es kommen ja noch 20 Shows. Das nächste Mal wird noch besser!«



