Der FC Thun hat ein wahrhaftiges Fußball-Märchen geschrieben! Am Sonntag stand der Aufsteiger nach einem Patzer des direkten Konkurrenten St. Gallen (0:3 gegen den FC Sion) als Schweizer Meister fest. Sensationell schnappte sich die Mannschaft den ersten großen Titel der 128-jährigen Vereinsgeschichte. Erinnerungen an den Titelgewinn des 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger 1998 in Deutschland wurden wach.
Thun kämpfte sich nach Jahren in der Zweitklassigkeit zurück
Vergleiche wie diese begleiteten den FC Thun wochenlang, und nein, irgendwann wehrten sie sich in der 40.000-Einwohnergemeinde kaum noch dagegen. Denn aus dem einst herbeigesehnten Märchen wurde langsam Wirklichkeit. Der kleine Klub vom Thunersee war erst im Sommer nach fünf Zweitliga-Jahren wieder aufgestiegen. Mit der dominanten Saison 2024/25 durchbrach man eine lange Zeit des Leidens.
2020 war Thun aus der ersten Liga abgestiegen, dazu setzte es einen harten personellen Rückschlag: Präsident Markus Lüthi trat während der Corona-Pandemie und nach dem Abstieg zurück. „Emotional war die Stimmung im Klub unter null“, erinnerte sich Gerber, der daraufhin zum Präsidenten wurde. Jahrelang hatte der Klub anschließend erfolglos versucht, wieder aufzusteigen. 2021 und 2024 war man nah dran, scheiterte bei beiden Anläufen aber bitter in der Relegation.
Im vergangenen Sommer folgte die Erlösung, auf die in dieser Saison wiederum völlig überraschend die absolute Krönung folgte. Historisch war der Durchmarsch zum Titel allerdings nicht einmalig. In der Schweiz war dies 1952 bereits dem Grasshopper Club Zürich gelungen.
Thun deklassiert Giganten aus Bern, Basel und Zürich
Ambitioniert war der Aufsteiger mit dem zweitniedrigsten Etat der Liga vor dieser Spielzeit schon. Das erklärte Ziel war nicht der Klassenerhalt, sondern das Erreichen der Top-6 und damit die Meisterrunde. „Wir dachten, es wäre schon unverschämt, ein Ziel unter den ersten Sechs zu definieren“, sagte Präsident Andres Gerber. Dieses Ziel wurde schon früh erreicht und mittlerweile längst übertroffen. Drei Spieltage vor Schluss liegt der FC Thun stolze 11 Punkte vor St. Gallen, 18 vor Noch-Meister FC Basel, 26 vor dem großen Nachbarn Young Boys Bern und sogar 47 vor Rekordmeister Grasshopper Club Zürich.
Auch der Marktwert des Kaders hat sich durch die Erfolge gesteigert. Mittlerweile hat man den fünfthöchsten Wert. Der gesamte Kaderwert liegt aber weiter nur bei 22,43 Millionen Euro und damit deutlich unter dem von Bern (65,78) oder Basel (57,40). „Geld schießt keine Tore“: Dieser Spruch hat im modernen Fußball viel vom ursprünglichen Wahrheitsgehalt verloren. In der Schweiz jedoch trifft er noch zu – zumindest in dieser Saison. Mit 76 Toren erzielte Thun in 35 Spielen mit Abstand die meisten Tore und überzeugt auch sonst mit begeisterndem Offensivfußball.
Fischer-Vertrauter führt Thun zum Titel
Architekt des Erfolges ist Trainer Mauro Lustrinelli, der seit 2022 als Nach-Nachfolger von Urs Fischer (2013 bis 2015) die Zügel in der Hand hält. Lustrinelli stand einst selbst als Spieler beim FC Thun unter Vertrag. Zum jetzigen Mainzer Coach Fischer hat er eine ganz besondere Beziehung. Er war einst sein Co-Trainer. Zudem sammelte er Erfahrungen als U21-Trainer der Schweiz.
Ein Erfolgsrezept in Thun ist die Beständigkeit. Nach dem Aufstieg hielt der Verein den Kern der Mannschaft weitestgehend zusammen und setzte auch in der ersten Liga auf die Aufstiegshelden – mit großem Erfolg. Zu den Leistungsträgern zählen Kapitän und Verteidiger Marco Bürki, Bruder des ehemaligen Dortmund-Keepers Roman Bürki, oder Michael Heule. Dem Verteidiger attestierte der Blick unlängst „Torjäger-Qualitäten wie Harry Kane und Sprinter-Fähigkeiten wie Usain Bolt“.
Sexskandal und fast bankrott! Thun lange als Chaos-Verein bekannt
Und so wächst in der Gemeinde nahe Spiez, wo sich 1954 das deutsche Nationalteam auf das Wunder von Bern einschwor, der Stolz auf die Kicker. Das ist besonders bemerkenswert, da der FC Thun bislang eher für Negativschlagzeilen bekannt war. 2007 etwa waren mehrere Spieler in einen Sexskandal verwickelt. Zwei Profis wurden in der Folge wegen sexueller Handlungen mit einer Minderjährigen verurteilt. „Noch jahrelang wurden wir in fremden Stadien von den Fans verhöhnt“, erklärte Gerber. Auch sportlich lief es nicht mehr rund, 2008 folgte der Abstieg in die Challenge League.
2016 dann der nächste Schock: Gegen drei Spieler wurden damals Vorwürfe wegen Vergewaltigung erhoben, die später aber fallengelassen wurden. Im selben Jahr geriet der FC Thun dann auch in anderer Hinsicht in negative Schlagzeilen. Der Verein ging fast bankrott. Seither sammelt der von Fans geführte Verein „Härzbluet“ jedes Jahr Spenden. 1,6 Millionen Euro sind damit schon eingenommen worden.
Trotzdem plagen den Klub auch aktuell finanzielle Sorgen. Um die Lizenz für die kommende Saison vorzeitig abzusichern, bräuchte der Verein aktuell einen Überbrückungskredit, den man womöglich über die Stadiongenossenschaft einholen will. Eigentlich waren die Gelder für die Renovierung der Stockhorn Arena gedacht.
Thun will erneut in der Champions League überraschen
Die finanziellen Sorgen könnten sich aber bald in Luft auflösen. Als Meister wird Thun an der zweiten Qualifikationsrunde zur Champions League teilnehmen. Schon 2005/06 hatte es der Klub als Vizemeister nach einem Sieg gegen Malmö in der Qualifikation in die Gruppenphase geschafft. In Erinnerung blieb von damals vor allem ein Traumtor von Nelson Ferreira gegen den FC Arsenal im Highbury-Stadion. Eine Verbindung zum aktuellen Erfolgsteam gibt es auch: Auf dem Rasen in der Königsklasse stand kein Geringerer als der aktuelle Trainer Lustrinelli.
Der damalige Höhenflug hatte allerdings auch negative Folgen und beeinflusste die Thuner jahrelang. Die generierten Einnahmen von rund 20 Millionen Franken sorgten für Begehrlichkeiten bei den Spielern und Schwierigkeiten bei der Vereinsführung. „Wir hatten eine extreme Fallhöhe mit der Teilnahme an der Champions League generiert. Es herrschte Unruhe. Die Seele des Klubs ging in dieser Zeit verloren“, erklärte Gerber, damals noch Spieler, dem Blick. Sollte sich Thun erneut für die Königsklasse qualifizieren, bleibt zu hoffen, dass der Klub aus dem Berner Oberland aus den damaligen Ereignissen gelernt hat – und nicht erneut eine Negativ-Schlagzeile nach der anderen folgt. Schließlich ist in diesem Jahr endlich wieder Positives passiert.



