Der Schiedsrichter-Experte Lutz Wagner hat detailliert erläutert, warum der Handelfmeter, der im Spiel des FC Bayern München gegen Paris Saint-Germain gepfiffen wurde, regelkonform war – trotz der Kritik vieler Beteiligter und Experten. Wagner, ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter und heutiger DFB-Lehrwart, äußerte sich im Gespräch mit dem Fachmagazin Kicker.
Wagner versteht den Unmut der Bayern-Fans
„Ich muss zunächst einräumen, dass ich den FC Bayern und seine Anhänger durchaus verstehen kann, die mit dieser Auslegung unzufrieden sind. Das betrifft wohl auch so manchen Fußballer“, sagte Wagner. „Doch der Schiedsrichter hat sich an die regeltechnischen Vorgaben gehalten.“
Die strittige Szene ereignete sich beim wilden 4:5 in Paris, als Alphonso Davies einen Schuss von Ousmane Dembélé aus kurzer Distanz an die Hand bekam. Schiedsrichter Sandro Schärer entschied nach VAR-Intervention auf Strafstoß.
Die Begründung für den Elfmeter
Wagner erläuterte die Entscheidungsfindung: Zunächst müsse der Schiedsrichter prüfen, ob Davies den Ball erwarten konnte oder ob er „von hinten angeschossen“ wurde. Das sei nicht der Fall gewesen. „Davies sieht, dass der Gegner flanken will, und reagiert: Zunächst hat er die Arme hinter dem Rücken verschränkt, was ungewöhnlich, aber üblich ist. Als Dembélé die Flanke schlägt, geht ausgerechnet der Arm auf der Seite raus, an der der Ball am Körper vorbeifliegen würde.“
Auch das Argument, der Ball sei vorher von Davies’ Körper abgelenkt worden (er traf ihn an der Hüfte), sei nicht stichhaltig. Nur wenn diese Berührung zu „einer klaren Richtungsänderung“ des Balls führe, liege kein Handspiel vor. „In diesem Fall flog der Ball trotzdem in Richtung Arm.“
„Wenn ich diese drei Argumente sehe – der erwartbare Ball, der Arm, der genau dort rausgeht, wo der Ball vorbeifliegt, nachdem beide Arme zuvor hinter dem Körper waren, und dass die Abfälschung keine klare Richtungsänderung bewirkt – dann ist es regeltechnisch ein Strafstoß“, fasste Wagner zusammen.
Wagner bringt mögliche Regeländerung ins Spiel
Viele Experten hatten die Entscheidung kritisiert, die zum 2:3 aus Münchner Sicht führte. Bayerns Trainer Vincent Kompany sah sogar zwei irreguläre Tore. SPORT1-Experte Stefan Effenberg plädierte für eine Regeländerung, wofür auch Wagner offen ist.
„Es gab bereits Vorschläge, dass Strafstöße nur bei Torgefahr gegeben werden sollten. Andernfalls könnte man einen indirekten Freistoß im Strafraum oder einen direkten Freistoß außerhalb verhängen“, erklärte Wagner. Er selbst sei der Meinung, dass solche Vorschläge „zumindest überdacht werden sollten“, doch die Schiedsrichter könnten ihre Entscheidungen derzeit nicht danach ausrichten.
Abgesehen davon lobte Wagner den Auftritt von Schärer: „Die wichtigen und entscheidenden Dinge wurden korrekt entschieden. Die großzügige Linie war ein wirklich guter Ansatz, der dieses tolle Spiel erst ermöglicht hat.“
Lutz Wagner ist ein ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter, der heute als TV-Experte und DFB-Lehrwart tätig ist.



