Nagelsmanns Geduld schwindet: Fünf Reizthemen nerven den Bundestrainer vor der WM
Nagelsmanns Geduld schwindet: Fünf Reizthemen nerven ihn

Nagelsmanns Geduld schwindet: Fünf Reizthemen nerven den Bundestrainer vor der WM

Zwei Monate vor dem Abflug der deutschen Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft in den USA entwickeln sich um einzelne Spieler teils heftige Diskussionen. Bundestrainer Julian Nagelsmann gibt weiterhin geduldig Erklärungen ab, doch seine Botschaften dringen nicht immer durch – was den 38-Jährigen offenkundig zunehmend ärgert.

Diskussionen um die DFB-Elf und ihren Trainer gibt es seit Jahrzehnten, besonders vor großen Turnieren. Doch diesmal fällt auf, wie hartnäckig sich bestimmte Themen halten und wie genervt Nagelsmann inzwischen wirkt. Fünf Aspekte stehen dabei besonders im Fokus und testen die Geduld des Bundestrainers.

Reizthema 1: Die Goretzka-Debatte

Nach einem bemerkenswerten Interview im kicker sorgte vor allem eine Aussage Nagelsmanns für Verwunderung: Der Bundestrainer hob ausgerechnet Leon Goretzka hervor und sprach davon, dass der Bayern-Star gute WM-Chancen habe. Überraschend war dies, weil Nagelsmann Goretzka noch vor der EM 2024 aufs Abstellgleis geschoben hatte – selbst als Aleksandar Pavlovic kurzfristig ausfiel, entschied er sich nicht für den Routinier.

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Inzwischen sieht sich Nagelsmann gezwungen, seine Worte nachträglich zu erklären und teilweise zurückzurudern. „Ich habe gesagt, er hat gute Chancen zu spielen. Zwischen ‚spielen‘ und ‚spielen‘ gibt es aber Unterschiede“, betonte er bei der Kaderverkündung. Für Goretzka könnten auch nur wenige Minuten pro Spiel herausspringen, die Aussagen seien kein Freifahrtschein.

Doch selbst am Tag vor dem Länderspiel gegen Ghana musste sich Nagelsmann erneut zur Goretzka-Frage äußern. „Die Frage wurde mir ja schon oft gestellt. 2024 konnte Leon Goretzka mit deutlich weniger Spielzeit rechnen als jetzt. Was nicht heißt – ich muss ja alles immer nochmal begründen: Er wird garantiert nicht immer Stammspieler sein“, sagte der sichtlich genervte Trainer.

Reizthema 2: Der Undav-Umgang

Besonders Kopfschütteln erntet Nagelsmann für seinen Umgang mit Deniz Undav. Dass der VfB-Star in der Schweiz keine Minute spielte – trotz herausragender Bundesliga-Leistungen – gibt Rätsel auf. Auch der Spieler selbst wirkte unglücklich über die ständige Diskussion um seine Person.

Der Bundestrainer ging bei RTL in die Offensive und erklärte seine Entscheidung für den formschwachen Nick Woltemade mit dessen aktueller Flaute. Undav hingegen brauche keine Einsatzzeiten, weil er bereits selbstbewusst genug sei. „Ich werde mal ein paar Psychologen fragen, was die sagen. Wahrscheinlich das Gegenteil von mir – das ist ja das Hobby der Psychologen, die nicht im Amt sind“, verteidigte Nagelsmann seine These süffisant.

Doch auch damit drang er nicht durch. Sämtliche Experten und Ex-Spieler fordern weiterhin Undav-Einsätze. „Jeder Spieler weiß exakt, woran er ist. […] Deswegen werden wir gewisse Entscheidungen treffen – auch auf Basis der geführten Rollengespräche. Die man auch als Experte von außen nicht bewerten kann“, konterte Nagelsmann – ein weiterer Ordnungsruf, der vermutlich verhallen wird.

Reizthema 3: Die Torwart-Frage

Nagelsmann hat das Pech, dass Deutschland aktuell keinen herausragenden Wunder-Torwart besitzt. Mit Oliver Baumann, Alexander Nübel und Jonas Urbig stehen drei Keeper auf ähnlichem Niveau im Kader. Die Entscheidung für Baumann als Nummer eins ist dennoch nachvollziehbar, trotz dessen vermeintlich fehlender internationaler Erfahrung.

„Du brauchst diese Ausstrahlung im Tor. Ich wünsche ihm, dass er das kann“, sagte Stefan Effenberg im Doppelpass. „Ich sehe ihn aber nicht in der absoluten Weltspitze. Es ist schon ein Unterschied, wenn die anderen kommen und dann steht da ein Manuel Neuer. Baumann ist eher eine unbekannte Nummer.“

Eine Lesart, die dem Bundestrainer nicht schmecken kann. Bei Torwart-Themen reagiert er traditionell empfindlich. Kein Wunder, schließlich ist eine Torwartdiskussion immer etwas schädlicher als andere Debatten. Nagelsmann stellte daher klar, dass der geplante Nübel-Einsatz gegen Ghana eher als Geschenk an die Nummer zwei zu sehen sei, nicht als Entscheidung gegen Baumann. Der Konkurrenzkampf sei nicht eröffnet.

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Reizthema 4: Die Rüdiger-Problematik

Es ist die emotionalste und gefährlichste Debatte: Antonio Rüdiger ist nur auf Bewährung Teil der DFB-Elf. Zu oft ist er mit Eskapaden aufgefallen, sein Ruf ist nicht mehr makellos. „Wenn Julian Nagelsmann sagt, dass er auf Bewährung ist: Was muss passieren, damit eine Bewährung in eine Strafe umgesetzt wird? Das trifft mich“, erklärte Ex-Nationaltorhüterin Almuth Schult.

Aktueller Aufhänger ist Rüdigers überhartes Einsteigen im Spiel gegen Getafe mit Real Madrid. Der Bundestrainer sah sich bereits vor dem Spiel in der Schweiz mit dem Thema konfrontiert. „Bewährung? War das nicht neben dem Platz, sondern es war ein Foul auf dem Platz, von dem wir gerade sprechen, glaube ich. Das andere ist lange her, das haben wir, glaube ich, 8000 Mal besprochen in 7000 Pressekonferenzen“, ließ er Moderatorin Laura Wontorra wissen.

Bei Rüdiger geht es nicht nur um sportliche Aspekte, sondern auch um Werte wie Respekt und Fairness – eine brandgefährliche Mischung, die Nagelsmann noch länger begleiten wird.

Reizthema 5: Die Medientermin-Flut

Lange galt Nagelsmann als Trainer, der gerne vor Kameras steht und Interviews gibt. Er spricht leidenschaftlich über Fußball, hat immer eine Botschaft im Gepäck und kennt das Mediengeschäft zur Genüge. Beim FC Bayern wusste er mit seiner offenen Art zu überzeugen und bügelte kleine Fehltritte geschickt aus.

Doch diese Leichtigkeit scheint dem Bundestrainer etwas abhandengekommen zu sein. Die Spitzen gegen Experten häufen sich, Gegenfragen kommen vermehrt vor. Am Sonntagnachmittag ließ Nagelsmann relativ deutlich durchblicken, dass Medientermine ihm nicht immer Spaß machen.

Als Pressesprecherin Franziska Wülle Alexander Nübel aus der Pressekonferenz entließ und fragte: „Julian, machst du noch ein bisschen?“, antwortete der Trainer nur: „Ja, wenn du das willst…“ – große Begeisterung war nicht zu erkennen. „Wenn die PK vor dem Training ist, bekommt ihr leider weniger Informationen, als wenn sie nach dem Training ist. Aber nach dem Training habe ich keine Lust auf eine PK, da habe ich viele Gespräche zu führen“, gab er unverblümt zu.

Es dürfte das Reizthema sein, das Nagelsmann am leichtesten abräumen könnte – schließlich liegt ihm die Kommunikation eigentlich. Doch vor der WM in den USA wird der Druck nicht nachlassen, und die Diskussionen um seine Personalentscheidungen werden den Bundestrainer weiter begleiten.