SSV Ulm vor dem Abstieg in die Regionalliga: Eine Chronik des Niedergangs
SSV Ulm: Der drohende Abstieg und die Zukunft

Der SSV Ulm 1846 taumelt der Regionalliga entgegen – der nächste Trainer muss gehen. Vorstandsvorsitzender Dominik Schwärzel spricht bei SPORT1 über den drohenden Abstieg und erklärt, wieso dieser auch eine Chance bedeutet.

Zwölf Monate ist es her, da kämpfte der SSV Ulm 1846 noch wacker gegen den Abstieg in die 3. Liga, konnte diesen aber nicht verhindern. Ein Jahr später drohen die Spatzen sogar in die Regionalliga Südwest durchgereicht zu werden – nach einer Saison zum Vergessen.

Vielleicht ging alles ein wenig zu schnell. Nach mehreren Insolvenzen und 22 Jahren Amateurzugehörigkeit stiegen die Ulmer 2022/23 schließlich in die 3. Liga auf, marschierten unter Aufstiegstrainer Thomas Wörle direkt in die 2. Bundesliga durch. Doch der wiedererstarkte Verein konnte die Klasse nicht halten und blickt nach einer völlig verkorksten und chaotischen Spielzeit beinahe der sportlichen Bedeutungslosigkeit entgegen.

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Am Samstag setzte es eine bittere und wohl vorentscheidende 2:3-Auswärtsniederlage beim TSV 1860 München. „Es ist natürlich extrem bitter. Woche für Woche hat man große Hoffnungen“, ärgert sich der Vorstandsvorsitzende Dominik Schwärzel im exklusiven Gespräch mit SPORT1: „Am Ende sind wir wieder ohne Punkte geblieben und das tut weh.“

Ulm-Abstieg? „Viele im Umfeld haben sich damit abgefunden“

Somit liegt der SSV – immerhin Ex-Klub von namhaften Personen wie Uli Hoeneß, Thomas Tuchel oder Ralf Rangnick – drei Spieltage vor Saisonende mit 32 Punkten auf Platz 17, was den direkten Abstieg bedeuten würde. Der Rückstand auf das rettende Ufer (Hoffenheim II auf Platz 15) beträgt acht Punkte, zudem hat Ulm das weitaus schlechtere Torverhältnis. Der Klassenerhalt ist also nur noch rein rechnerisch möglich.

„Ich glaube, viele im Umfeld haben sich schon vor Wochen damit abgefunden“, sagt Schwärzel: „Es ist ein schleichender Prozess und kein großer Knall am letzten Spieltag. Rechnerisch wird es immer schwieriger. Wir planen schon seit Längerem nicht nur zweigleisig, sondern auch realistisch. Wenn das Wunder noch kommen sollte, freuen wir uns natürlich umso mehr.“ Doch den Ulmern rennt die Zeit davon.

Was den freien Fall angeht, gestand Trainer Pavel Dotchev bereits nach der 1:5-Pleite bei Hansa Rostock am 11. April ein: „Ich muss jede Woche erneut erklären, wie bitter das ist.“ Auch Dotchev konnte mit einem Punktschnitt von 0,86 Zählern den sportlichen Wünschen der Ulmer bislang nicht ansatzweise gerecht werden.

Die Konsequenz: Dotchev muss den Verein zum Saisonende verlassen. „Wir haben uns dazu entschieden, zukünftig den Weg in der Regionalliga nicht mit Pavel Dotchev zu gehen“, erklärte Schwärzel am Mittwoch auf einer Pressekonferenz.

SSV Ulm: Isik als neuer Sportchef vorgestellt

Nach der Entlassung von Wörle im März 2025 ist der Bulgare bereits der dritte Trainer – ihm waren Robert Lechleiter und Moritz Glasbrenner vorausgegangen. Vor Dotchevs Engagement in Ulm leitete Co-Trainer Oliver Unsöld kurzzeitig das Training. Nun muss schon wieder ein neuer Coach her.

Doch nicht nur der Trainerverschleiß gibt zu denken. So stand der Verein seit März nach dem Aus von Stephan Schwarz ohne Sportchef da. Nach sechswöchiger Suche wurde dann am Mittwoch Murat Isik als neuer Sportdirektor im Donaustadion vorgestellt. Ein „konsequenter Neuaufbau“ steht an.

Hinter den Kulissen krachte es vor etwas über einem Jahr gewaltig. Im Januar 2025 geriet eine Mitgliederversammlung aus dem Ruder und drohte abgebrochen zu werden. Ausschlaggebend: Der Zwist zwischen Ultras und Teilen der Klubführung sowie Angst um Lizenzen.

„Leidensfähige und sehr, sehr loyale Fans“

Dieser Zoff gehört jedoch längst der Vergangenheit an. Schwärzel spricht heute von einem „wahnsinnigen“ Verhältnis zu den eigenen Fans. „Es sind leidensfähige, sehr, sehr loyale Fans“, sagt der CEO: „Zwischen Verein und Fans gibt es keinen Cut – überhaupt nicht. Wir müssen jetzt, wenn es so kommen sollte, den schweren Weg zusammengehen, zusammenstehen, aber das ist eine der Tugenden des Vereins.“

Und auch wenn die Fans ab und an nicht davor zurückschrecken, ihren Unmut kundzutun, zieht man in Ulm wieder an einem Strang.

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„Wir scheitern nicht, denn ich erkenne momentan klar, dass wir zusammenhalten. Nur wenn wir unsere Tugenden verlieren würden und in eine wirtschaftliche Schieflage gerieten, nur dann wären wir gescheitert. Aus meiner Sicht ist es eine Chance. Wir haben unsere Hausaufgaben in den letzten Wochen und Monaten gemacht. Was die Zukunft des Vereins angeht – auch wenn es momentan sehr wehtut –, blicke ich diesem Abstieg trotz allem auch positiv entgegen“, sagt Schwärzel.

Im Oktober war es noch zu einem Beben im Aufsichtsrat gekommen. Mit Heribert Fritz, Anton Gugelfuß und Eberhard Riedmüller verkündeten drei Größen des Vereins ihren Abschied. Der Elchinger Gugelfuß galt einst als Retter des traditionsreichen Vereins.

Die wohl schlimmste Krise der Vereinsgeschichte

Im Frühling 2014, als der Klub nach einem Wettskandal und zwei Insolvenzen in seine schlimmste Krise schlitterte, begannen die Spieler zu streiken, weil die Bezahlung ausblieb. Fragwürdige Investoren tauchten auf und verschwanden wieder – der Verein war mit knapp einer halben Million Euro verschuldet. Es kam zum dritten Insolvenzverfahren.

Und damals war es Gugelfuß, der voranging und sich des Himmelfahrtskommandos annahm, den abgestürzten Verein zu sanieren. Gemeinsam mit Thomas Oelmayer (Ex-Geschäftsführer) und Roland Häußler (Ex-Vorstand Finanzen) päppelte er die Spatzen wieder auf und war für den Erfolg der vergangenen Jahre mitverantwortlich. Mittlerweile hat sich das Trio aber aus den jeweiligen Führungspositionen und auch aus dem Vorstand verabschiedet.

Verkauft wurden die Veränderungen in der Führungsriege damals als „wichtige Weichenstellung“. SPORT1 erfuhr: Im Hintergrund kam es zu Machtkämpfen und Differenzen mit dem umstrittenen Ex-Geschäftsführer Markus Thiele.

Chaos in Ulm: Brandbrief und Spieler-Revolte

Im November des vergangenen Jahres gipfelte das Chaos in einer Spieler-Revolte. In einem öffentlich gewordenen Schreiben an den Aufsichtsrat forderte die Mannschaft Thieles Entlassung. Unterschrieben hatten die beiden Kapitäne Johannes Reichert (gebürtiger Ulmer, 433 Pflichtspiele für den SSV) und Christian Ortag.

„Helft uns“, stand dort geschrieben; von einer „unerträglichen Situation innerhalb des Teams“ war die Rede. Die Atmosphäre sei „vergiftet, das Vertrauen zerstört. Das Verhältnis zwischen Mannschaft, Trainer und vor allem mit dem Sportdirektor ist komplett zerrüttet.“

Der Verein handelte und gab wenige Tage später die „einvernehmliche“ Trennung von Thiele bekannt. Auch Coach Glasbrenner wurde nach lediglich vier Spielen als Cheftrainer (zuvor vier Spiele interimsweise) freigestellt.

Schwärzel – damals noch Aufsichtsratsvorsitzender in Ulm und damit mitverantwortlich für die Trennung von Thiele – rückt die Dinge nun ins rechte Licht und stellt klar: „Wir haben unsere Entscheidungen nicht auf Basis dieses Briefes getroffen, sondern bereits zuvor. Die Herausforderung war es, dass sich der Verein im sportlichen Bereich komplett neu aufstellen musste. Das ganze Thema Mannschaft und Brandbrief war für uns als Verein natürlich nicht schön, auch weil es enorm viel Unruhe verursacht hat. Wir haben die Angelegenheit vereinsintern behandelt.“

Schwärzel treibt Planungen voran

Das ist jetzt Vergangenheit. Schwärzel ist seit Januar Vorstandsvorsitzender der Ulmer, an seiner Seite sitzt Robert Holzer im Vorstand.

Nun beginne die nächste Phase, mit neuen Personen, „die die Verantwortung annehmen und tragen wollen – aktuell vielleicht auch ein bisschen müssen“. Schwärzel spricht von einer herausfordernden Situation, besonders was den drohenden Abstieg angeht: „Aber wir haben ein Team, das extrem gut funktioniert.“

Um Planungssicherheit für die Regionalliga zu gewährleisten, beschäftigt sich Ulm mit der Zusammenstellung eines Schattenkaders, einer Mannschaft, die auf dem Papier aus rund 60 potenziellen Spielern besteht – mit Fokus auf Regionalität, Spieler, die sich mit dem Verein identifizieren.

„Das ist unsere Pflicht. Es gibt eine Shortlist von Spielertypen, mit denen wir zügig sprechen möchten“, betont Schwärzel: „Wir müssen auf beide Szenarien vorbereitet sein. Wenn die Mannschaft abzusteigen droht und wir uns nicht mit einem Schattenkader beschäftigen würden, machen wir unseren Job nicht richtig.“

Abstieg würde Ulm hart treffen

Klar ist auch, dass der Abstieg die Universitätsstadt Ulm besonders hart treffen würde, besonders wenn man die wirtschaftlichen Faktoren betrachtet.

„Es ist kein Geheimnis, dass man in der Regionalliga nicht die gleichen Sponsoringeinnahmen hat wie in der Dritten Liga, schon gar nicht wie in der Zweiten Liga. Die Attraktivität der Regionalliga ist nicht annähernd so gut wie die der 3. Liga. Aber wir sehen uns gerüstet, dafür haben wir die letzten Monate viel gearbeitet“, macht Schwärzel deutlich.

Am Samstag könnte der Abstieg der Spatzen bereits besiegelt sein. Im Heimspiel gegen Viktoria Köln (ab 16.30 Uhr im LIVETICKER) muss dringend ein Sieg her.