Österreichs Fußballerinnen vor Deutschland-Duellen: Verletzungen, Strukturprobleme und Skandal belasten Team
Österreichs Fußballerinnen: Krise vor Deutschland-Duellen

Österreichs Fußballerinnen vor Deutschland-Duellen: Verletzungen, Strukturprobleme und Skandal belasten Team

Vor den beiden WM-Qualifikationsspielen gegen Deutschland befinden sich Österreichs Fußballerinnen in einer tiefen Krise. Das Team von Trainer Alexander Schriebl hat in den bisherigen Qualifikationsspielen gegen Norwegen und Slowenien jeweils mit 0:1 verloren und steht ohne Punkte und Tore da. Die Aussichten auf Besserung sind gering, besonders da wichtige Leistungsträgerinnen wie Sarah Zadrazil vom FC Bayern München weiterhin verletzt fehlen.

Strukturelle Defizite und fehlende Frauen in Führungspositionen

Die Gründe für den sportlichen Abschwung der österreichischen Nationalmannschaft sind vielfältig und reichen weit über die aktuelle Form hinaus. Strukturelle Probleme im Österreichischen Fußball-Bund (ÖFB) erschweren die Entwicklung des Frauenfußballs erheblich. Im Gegensatz zum Deutschen Fußball-Bund (DFB), der mit Nia Künzer eine eigene Sportdirektorin für den Frauenfußball hat, existiert eine vergleichbare Position im ÖFB nicht.

Frauen sind in den Führungsgremien des Verbands stark unterrepräsentiert. Die einzige Frau im ÖFB-Aufsichtsrat ist Isabel Hochstöger, die für den Frauen- und Mädchenfußball zuständig ist und als Genderbeauftragte des Verbands fungiert. Allerdings verfügt sie über kein Stimmrecht im Aufsichtsrat, was ihre Einflussmöglichkeiten deutlich einschränkt.

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Fehlende Breitenförderung und mangelnde Infrastruktur

Die ehemalige Nationaltrainerin Irene Fuhrmann, die das Team von 2020 bis 2024 betreute und zuvor als Assistentin 2017 den Einzug ins EM-Halbfinale erreichte, kritisiert die mangelnde Breitenförderung. „Wir haben definitiv zu wenig Mädchenteams“, sagt Fuhrmann im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Dies führe dazu, dass talentierte Mädchen, die aus Jungen-Mannschaften ausscheiden, häufig komplett mit dem Fußball aufhören, weil der Weg zum nächsten Verein zu weit und der Aufwand zu groß sei.

Der ÖFB konzentriert sich vor allem auf die Spitzenförderung in der 2011 gegründeten Frauen-Akademie in St. Pölten, in die jährlich die zehn talentiertesten Nachwuchsspielerinnen zwischen 14 und 19 Jahren aufgenommen werden. In diese Akademie investiert der Verband nach eigenen Angaben 700.000 Euro pro Jahr. „Das hat einen unheimlichen Mehrwert für uns gehabt, um die besten Talente gezielt auszubilden“, erklärt Fuhrmann. Allerdings fehle es an weiteren Schritten, um die Breite besser abzubilden.

In ganz Österreich spielen etwa 17.000 Mädchen und Frauen Fußball. Für diese Anzahl seien die vorhandenen Strukturen unzureichend, bemängelt Fuhrmann. Eine lizenzierte ÖFB-Akademie allein reiche nicht aus, und es fehle beispielsweise eine U23-Nationalmannschaft als Unterbau zur A-Nationalelf.

Ungleiche Bedingungen und geringe öffentliche Wahrnehmung

Von gleichen Bedingungen zwischen Männern und Frauen im österreichischen Fußball kann keine Rede sein. „Wir sind sicher noch weit weg von equal play“, stellt Fuhrmann fest. Gleiche Bezahlung (equal pay) sei noch in weiter Ferne. Immerhin werde inzwischen eine Ligapartie pro Spieltag im öffentlich-rechtlichen ORF gezeigt, der Rest gestreamt, was die Sichtbarkeit etwas erhöhe.

Die öffentliche Wahrnehmung der österreichischen Frauenfußball-Liga bleibt jedoch gering. Der Spitzenreiter FK Austria Wien spielte zuletzt vor nur 255 Zuschauern, und der SKN St. Pölten trat in der Champions League gegen Juventus Turin vor gerade einmal 1.000 Fans an. Die Gehälter liegen weit unter den durchschnittlich 4.500 Euro pro Monat, die in der deutschen Bundesliga gezahlt werden. Viele Spielerinnen wandern deshalb schon in jungen Jahren ins Ausland ab.

Missbrauchsskandal beim SCR Altach erschüttert die Liga

Ein weiterer schwerwiegender Schlag für den österreichischen Frauenfußball ist der im Oktober öffentlich gewordene Missbrauchsfall beim SCR Altach. Über Jahre hinweg filmte ein Club-Mitarbeiter Spielerinnen heimlich in der Umkleide und beim Duschen, darunter auch Minderjährige. Das Urteil – sieben Monate auf Bewährung, 1.200 Euro Geldstrafe und Entschädigungszahlungen an die Opfer – ist inzwischen rechtskräftig, wurde aber von vielen Beobachtern, darunter Irene Fuhrmann, als zu mild empfunden.

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Spielerinnen wie die ehemalige Altacherin Eleni Rittmann kritisierten zudem den mangelnden Aufklärungswillen und Informationsfluss in dieser Angelegenheit. Rittmann, die bis Sommer 2024 für den Club spielte und nun in Frankreich lebt, erfuhr das Urteil aus den Medien. „Dass mich weder Verein noch Polizei informiert haben, ist schwer zu akzeptieren. Ich fühlte mich völlig im Stich gelassen“, sagte sie in einem Interview.

Vor den Duellen mit der deutschen Nationalmannschaft am Dienstag in Nürnberg und vier Tage später in Ried steht das österreichische Team somit nicht nur sportlich unter Druck, sondern muss auch interne und strukturelle Herausforderungen bewältigen. Die Krise ist vielschichtig und erfordert umfassende Lösungen, um den Anschluss an die internationale Spitze wiederzufinden.