Starke Vereinsstürmer, schwache Nationalmannschaftsrollen: Das Undav-Phänomen
Deniz Undav, der Offensivspieler des VfB Stuttgart, findet bei der deutschen Nationalmannschaft unter Bundestrainer Julian Nagelsmann trotz beeindruckender Leistungen in der Bundesliga keine feste Position. Mit 18 Toren in der aktuellen Saison ist er der beste deutsche Torjäger der Liga, muss sich nur dem Bayern-Star Harry Kane mit 31 Treffern geschlagen geben. Dennoch bleibt seine Rolle im DFB-Dress die des Einwechselspielers, wie zuletzt im Testspiel gegen Ghana zu sehen war, wo er zwar den 2:1-Siegtreffer erzielte, aber dennoch Kritik von Nagelsmann erntete.
Historische Parallelen: Diese Stürmer teilten Undavs Schicksal
Der 29-jährige Undav ist bei weitem nicht der erste deutsche Stürmer, der sich trotz konstanter Torgefährlichkeit auf Vereinsebene bei der Nationalelf mit einer Reservistenrolle begnügen muss. Die Geschichte des deutschen Fußballs ist voll von Beispielen talentierter Torjäger, die im Nationaltrikot nie den erhofften Durchbruch schafften.
Stefan Kießling: Der ewige Joker
Das vielleicht bekannteste Beispiel ist Stefan Kießling. Trotz jahrelanger Treffsicherheit bei Bayer Leverkusen, wo er 131 Bundesligatore erzielte und 2013 sogar die Torjägerkanone gewann, kam der heute 42-Jährige auf lediglich sechs Länderspiele ohne eigenen Treffer. Selbst 21 Tore in der Saison 2009/10 reichten nicht für mehr als 24 Minuten Einsatzzeit bei der WM in Südafrika. Nach Jahren ohne Kontakt zu Bundestrainer Joachim Löw zog Kießling 2013 einen Schlussstrich: „Den Nationalspieler Kießling wird es unter Löw nicht mehr geben!“
Mario Gomez: Im Schatten von Miroslav Klose
Mario Gomez, der zwischen 2005 und 2013 zu Deutschlands besten Stürmern zählte und 138 Bundesligatore für Stuttgart und Bayern erzielte, hatte im DFB-Dress stets große Konkurrenz. Vor allem Miroslav Klose blockierte ihm regelmäßig den Weg, obwohl Gomez im direkten Vereinsvergleich deutlich torgefährlicher war. Zwar durfte er bei der EM 2012 starten und wurde Zweiter der Torschützenliste, doch nach Verletzungen verpasste er den WM-Titel 2014 und beendete 2018 nach dem Vorrundenaus in Russland seine Nationalmannschaftskarriere.
Kevin Kuranyi: Das Ende nach einem Trotzakt
Kevin Kuranyis Nationalmannschaftskarriere endete 2008 abrupt, als er aus Protest über seine Nicht-Nominierung für ein WM-Qualifikationsspiel gegen Russland das Stadion verließ. Bundestrainer Löw schloss ihn daraufhin dauerhaft aus dem Team aus. Dabei hatte Kuranyi zwischen 2002 und 2010 jedes Jahr mindestens zweistellig in der Bundesliga getroffen und über 100 Tore für Stuttgart und Schalke erzielt. Dennoch fehlt in seiner Vita ein WM-Spiel, da er auch 2010 nicht nominiert wurde.
Weitere Beispiele aus vergangenen Jahrzehnten
Ulf Kirsten, Rekordtorschütze von Bayer Leverkusen mit drei Torjägerkanonen, musste sich im DFB-Dress stets Stürmerlegenden wie Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Rudi Völler unterordnen. Bei großen Turnieren blieb ihm meist nur die Rolle des Ersatzmannes, obwohl er auf Vereinsebene herausragende Leistungen zeigte.
Martin Max erlebte einen Extremfall: Der zweifache Torschützenkönig mit 1860 München kam nur auf ein einziges Länderspiel – sieben Minuten im April 2002 mit 33 Jahren. Trotz 20 Toren 2004 lehnte er ein Comeback ab, nachdem er zwei Jahre zuvor trotz bester Form nicht für die WM nominiert worden war.
Frank Mill, der über 100 Bundesligatore für Mönchengladbach und Dortmund erzielte, war in der Nationalmannschaft vom Pech verfolgt. Obwohl er 1990 zum Weltmeister-Kader gehörte, kam er nicht zum Einsatz und sagte später: „Ich bin Pokalsieger, kein Weltmeister.“ Für die Nationalelf gelang ihm kein einziger Treffer.
Die Geschichte zeigt: Deniz Undav steht in einer langen Tradition deutscher Stürmer, deren Vereinserfolge sich nicht automatisch in eine Stammposition bei der Nationalmannschaft übersetzen. Ob sich dieses Muster unter Julian Nagelsmann ändern wird, bleibt abzuwarten.



