Trainer-Legende Wollitz übt fundamentale Kritik am modernen Fußball
Fast immer, wenn Kult-Trainer Claus-Dieter Wollitz (60) das TV-Mikrofon in die Hand nimmt, kommen interessante und oft provokante Aussagen zustande. So auch nach dem torlosen Drittliga-Topspiel seines FC Energie Cottbus gegen den SC Verl. Der erfahrene Übungsleiter nutzte die Gelegenheit, um grundsätzliche Kritik an der Ausbildung und dem Scouting im deutschen Fußball zu äußern.
„Wir wollen nur Maschinen“ – Wollitz' scharfe Worte
Im Interview mit „MagentaSport“ stand Wollitz neben Verls Topscorer Berkan Taz (27 Jahre, 11 Tore und 13 Vorlagen), den er selbst einst in Cottbus trainiert hatte. Der FCE-Coach zeigte sich voll des Lobes: „Für mich ist er ein Spieler, der mindestens in der 2. Liga spielen sollte, müsste, dürfte.“ Doch dann wurde der Trainer philosophisch und kritisierte den modernen Fußball fundamental: „Doch wir legen heute alles gegen den Ball aus. Wir wollen ja – Entschuldigung für das Wort – nur Maschinen, die intensive Läufe, viele Sprints und hohe Km/h-Zahlen liefern, dazu noch aggressiv sind. Aber wer geht denn wegen dieser Spieler ins Stadion?“
Wollitz machte deutlich, dass die feinen Fußballer in der heutigen Zeit nicht ausreichend geschützt würden: „Wenn sie mal nicht aufpassen, werden sie in den Videoanalysen zerrissen.“ Damit stellte der erfahrene Trainer die brisante Frage, ob die klassischen Straßenfußballer im Profisport vom Aussterben bedroht seien.
Athletik versus Kreativität im Fußball
Der Energie Cottbus-Trainer räumte ein, dass die Athletik im modernen Fußball sehr wichtig geworden sei. Gleichzeitig betonte er seinen eigenen Trainingsansatz: „Allerdings habe ich solchen Spielern volle Freiheiten und jegliche Unterstützung gegeben, weil sie es einfach können.“ Für Wollitz steht die individuelle Kreativität der Spieler im Vordergrund, auch wenn der Trend im deutschen Fußball in eine andere Richtung gehe.
Das Spiel selbst bot ein gutes Beispiel für die danach eröffnete Diskussion. Der SC Verl dominierte den Ballbesitz, während sich Energie Cottbus bewusst tief stellte, die Räume eng machte und auf das Umschaltspiel lauerte. Wollitz zeigte sich nach der Partie nur halb zufrieden: „Ich will, dass meine Spieler überzeugt sind. Im Defensivbereich hatte ich das Gefühl, ja! In der Offensive fehlte mir der Punch, Mut, Geschlossenheit und Ruhe.“
Ballkünstler verpassen ihre Chancen
Ausgerechnet die kreativen Spielmacher auf beiden Seiten hatten dennoch ihre Torchancen. Energie-Spielmacher Tolcay Cigerci (31) schoss freistehend über das Tor, wobei ihm der Platz in der 52. Minute einen Streich spielte, als der Ball im letzten Moment unglücklich holperte. „Tolly macht den sonst manchmal im Schlaf“, ärgerte sich „Pele“ Wollitz über die verpasste Gelegenheit.
Auch Berkan Taz probierte es mit der Pike und aus der Distanz, scheiterte jedoch zweimal an Energie-Keeper Marius Funk (75. und 84. Minute). Trotz des torlosen Remis und des damit verbundenen Abstiegs vom ersten auf den zweiten Platz bewies Energie Cottbus taktisches Geschick und Reife. Die Lausitzer bleiben im neuen Jahr weiterhin ungeschlagen und zeigen damit, dass auch ein defensiv ausgerichtetes Spielkonzept erfolgreich sein kann.
Die Zukunft des Straßenfußballers im Profisport
Wollitz' Kritik wirft wichtige Fragen für die Zukunft des deutschen Fußballs auf. Sollte der Fokus stärker auf der Ausbildung kreativer, technisch versierter Spieler liegen, anstatt ausschließlich auf athletische Parameter zu setzen? Der Energie Cottbus-Trainer macht deutlich, dass für ihn der Unterhaltungswert und die Faszination, die von kreativen Ballkünstlern ausgeht, im Mittelpunkt stehen sollten.
Die Diskussion über das richtige Gleichgewicht zwischen Athletik und Kreativität wird im deutschen Fußball sicherlich weitergeführt werden. Claus-Dieter Wollitz hat mit seinen deutlichen Worten einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte geleistet und fordert damit das etablierte System heraus.



