Felix Neureuther warnt vor existenziellem Nachwuchsproblem im deutschen Skisport
Zum Abschluss der Winter-Saison zieht der ehemalige Ski-Star Felix Neureuther im Interview eine alarmierende Bilanz für den deutschen Skisport. Bis auf Ausnahmen wie den jungen Olympia-Star Emma Aicher und Ski-Löwe Linus Straßer präsentiert sich die Lage beim Deutschen Skiverband (DSV) äußerst düster.
Slalom: Straßer als einsamer Hoffnungsträger
In seiner Spezialdisziplin, dem Slalom, sieht Neureuther besonders kritische Entwicklungen. "Wenn man die Trainingsleistungen vor der Saison gesehen hat, haben sich alle ein bisschen mehr erwartet", analysiert Neureuther die Situation seines ehemaligen Mannschaftskameraden Linus Straßer. Zwar habe Straßer in Kitzbühel eine hervorragende Leistung gezeigt, doch insgesamt sei es eine Saison gewesen, in der deutlich wurde, wie schwierig das Mithalten im internationalen Spitzenfeld ist.
Die eigentliche Gefahr ortet Neureuther jedoch hinter Straßer: "Im Slalom haben wir nach dem Linus keinen. Das ist nicht leicht für ihn, immer der Einzige zu sein, der da eine Rolle spielen kann." Sebastian Holzmann belegt in der Gesamtwertung lediglich Rang 47, Anton Tremmel schaffte in zehn Rennen kein einziges Mal den Einzug in den zweiten Durchgang.
Neureuthers Warnung ist deutlich: "Das ist die Gefahr: Wenn der Linus mal aufhört, ist keiner mehr da. Dem Verband ist es in den letzten Jahren nicht gelungen, einen Jungen nach oben zu ziehen, der sich entwickeln und am Linus wachsen kann."
Riesenslalom: Einziger Lichtblick mit Einschränkungen
Einzig positiver Ausreißer stellt für Neureuther die deutsche Riesenslalom-Truppe dar, die in Lillehammer mit drei Athleten unter den besten Elf platziert war. "Die sind super!", lobt der Experte. "Man hat das Gefühl, dass die Jungs einen Plan haben, an dem sukzessive gearbeitet wird."
Besonders hebt er die Entwicklung von Fabian Gratz und die Stabilisierung von Toni Grämmer hervor, ebenso wie die positive Rolle von Jonas Stockinger und die Rückkehr von Alexander Schmid nach schwerer Verletzung. "Dieses Team ist von der Breite her gesehen momentan fast die beste Riesenslalom-Mannschaft der Welt", urteilt Neureuther, fügt jedoch kritisch hinzu: "Auch wenn da noch keine Podestplätze herausgekommen sind."
Speed-Bereich: Dramatische Personallage
Im Speed-Bereich wird die Situation nach dem Karriereende von Andreas Sander und Romed Baumann besonders prekär. Verbleiben tun im Wesentlichen nur noch Simon Jocher und Luis Vogt. Neureuther sieht hier massive Probleme: "Mit Felix Rösle haben wir noch einen Junioren-Weltmeister, aber im Speed braucht es einfach Zeit, um sich zu entwickeln."
Der Experte kritisiert insbesondere die mentale Einstellung: "Prinzipiell müssen wir dort hinkommen, dass man nicht zu schnell zufrieden ist. Nicht bloß bester Deutscher sein wollen, sondern ganz nach vorn!" Im Vergleich zu internationalen Top-Athleten wie Marco Odermatt oder Vincent Kriechmayr ortet Neureuther deutliche Defizite: "Wenn du mit denen mithalten willst, musst du über dich hinaus wachsen, mental unfassbar stark sein, Risiko gezielt eingehen wollen."
Internationaler Vergleich: Meilenweiter Rückstand
Die Frage, was Nationen wie die Schweiz, Norwegen oder Italien besser machen, beantwortet Neureuther mit einem klaren Hinweis auf die mentale Komponente: "Man muss einfach dieses Gen haben, unbedingt gewinnen zu wollen, um jeden Preis. Das brauchen wir dringend wieder in Ski-Deutschland."
Während er Linus Straßer und die Riesenslalom-Truppe von dieser Kritik ausnimmt, sieht er im Speed-Bereich deutlichen Nachholbedarf: "Da sind wir noch weit weg."
Damen: Aicher als positives Gegenbeispiel
Ein erfreuliches Gegenbeispiel stellt für Neureuther Emma Aicher dar, die bis zum letzten Rennen den Kampf um den Gesamt-Weltcup gegen Mikaela Shiffrin offen hielt. "Die Emma ist erstaunlich", schwärmt der Experte. "Man kann ihr nicht hoch genug anrechnen, was für ein Programm sie in diesem Winter gefahren ist."
Besonders lobt er die Arbeit von Damen-Trainer Andi Puelacher und seinem Team, die auch Athletinnen wie Kira Weidle-Winkelmann und Lena Dürr erfolgreich betreuen. Aicher könnte mit ihren 22 Jahren eine Vorbildfunktion für den Nachwuchs übernehmen: "Damit die Jungen sehen, was für ein Mindset es braucht, um schnell Ski zu fahren."
Nachwuchsarbeit: Potenzial bei wenigen, nicht bei vielen
In seinen eigenen Kids-Camps für junge Skifahrer sieht Neureuther durchaus Potenzial - allerdings in viel zu geringem Umfang. "Bei vielleicht zwei, drei Athleten", schätzt er. "Wenn man nach Italien, Norwegen, Frankreich oder in die Schweiz schaut, sieht man das gleiche Potenzial bei 50 Athleten."
Als Beispiel nennt er die 17-jährige italienische Doppel-Junioren-Weltmeisterin Anna Trocker, die im Weltcup bereits zweimal unter die Top Ten fuhr. "Lecko mio, fährt das Mädel gut Ski!", zeigt sich Neureuther beeindruckt.
Sein Fazit ist deutlich: Deutschland hat nur wenige Talente, die es richtig zu fördern gilt. "Letzten Endes muss größer gedacht werden, um dann über sich hinauszuwachsen", mahnt der Experte. Die Gefahr einer vorzeitigen Zufriedenheit sieht er als zentrales Problem, das den deutschen Skisport in seiner Existenz bedroht.



