Die vergessene Konsole: Wie die Playstation des Ostens DDR-Videospielgeschichte schrieb
Im Jahr 1979 sorgte ein unscheinbarer grau-schwarzer Kasten in der DDR für Aufsehen: das Bildschirmspiel 01, kurz BSS 01. Entwickelt und gefertigt im Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) unter dem bekannten Markenzeichen RFT, war es die erste und einzige Spielkonsole, die jemals in der Deutschen Demokratischen Republik in Serie produziert wurde. Für viele Bürger bot das Gerät einen faszinierenden Einblick in die elektronische Zukunft, auch wenn sein stolzer Preis von 550 Mark es zu einem echten Luxusartikel machte.
Von der Lehridee zum begehrten Konsumgut
Ende der 1970er Jahre galt die Mikroelektronik als entscheidendes Schlüsselfeld für die industrielle Entwicklung. Auch Unterhaltungselektronik wurde in diesem Kontext als nützliches Betätigungsfeld angesehen, denn wer spielte, konnte gleichzeitig etwas über elektronische Geräte und ihre vielfältigen Möglichkeiten lernen. Die Konstrukteure des Halbleiterwerks griffen bei der Entwicklung auf wichtige Bauteile aus dem westlichen Ausland zurück. Das Herzstück des Geräts bildete der Schaltkreis AY-3-8500 des amerikanischen Unternehmens General Instrument. Da dieser Chip als zivil und nicht militärisch relevant eingestuft wurde, durfte er legal in die DDR eingeführt werden und übernahm sämtliche Steuer-, Bild- und Tonfunktionen der innovativen Konsole.
Produktion mit Leidenschaft und unerwarteten Hindernissen
Etwa 150 engagierte Mitarbeiter fertigten die Konsole in handwerklich anspruchsvoller Arbeit. Die erste Serie von rund 750 Geräten erschien pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 1979 und weckte große Hoffnungen. Doch der Produktionsalltag gestaltete sich von Anfang an schwierig: Immer wieder fehlten notwendige Gehäuseteile, Verpackungen kamen verspätet an, und der Preis der importierten Chips stieg unerwartet rapide an. Bereits zwei Jahre später musste die Fertigung aus wirtschaftlichen Gründen endgültig eingestellt werden. Ein Teil der übrigen Bestände wurde über den Außenhandel nach Griechenland und in die Bundesrepublik verkauft, doch auch dort gingen die Kalkulationen nicht auf. Einige ungenutzte Bauteile wurden schließlich sogar verschrottet.
Spielspaß in Schwarzweiß mit einfachen Drehreglern
Das Bildschirmspiel 01 brachte erstmals Bewegung in den heimischen Röhrenfernseher. Fünf verschiedene Spielvarianten waren fest eingebaut: Tennis, Fußball, Squash, Pelota (für einen Spieler) und ein kaum dokumentiertes Zusatzspiel. Mit zwei einfachen Drehreglern lenkten die Spieler ihre virtuellen Schläger, während zusätzliche Tasten die Ballgeschwindigkeit, den Abprallwinkel und sogar die Schlägergröße beeinflussen konnten. Der Bildschirm blieb in Schwarzweiß, das Spielfeld minimalistisch gestaltet: zwei vertikale Linien, ein flackernder Punkt als Ball und einfache Ziffern für den Spielstand. Trotz dieser schlichten Darstellung faszinierte das unmittelbare Mitwirken am Fernseher – es war Elektronik zum Anfassen und Begreifen.
Eine kurze Karriere mit bleibendem Eindruck
In Fachzeitschriften und Zeitungen wurde das Gerät 1980 als technische Neuheit des Halbleiterwerks vorgestellt und als nützliches Trainingsmittel für das Reaktionsvermögen beschrieben. Verbraucher fanden jedoch nur selten den Weg zur teuren Konsole, und ein geplanter Nachfolger mit Farbbild blieb für immer ein unverwirklichtes Konzept auf dem Reißbrett. Nach der Wende verschwand das Bildschirmspiel 01 zunächst aus dem kollektiven Gedächtnis. Erst 1997 stellte das renommierte Computerspielemuseum Berlin ein gut erhaltenes Exemplar aus und verhalf der kleinen Konsole so zu ihrem verdienten Platz in der Technikgeschichte. Heute gilt sie unter Sammlern als äußerst gesuchtes und wertvolles Stück DDR-Elektronik.
Vom BSS 01 zum legendären Poly-Play-Automaten
Mit dem Ende der Produktion war die Idee des Spielens auf dem Bildschirm in der DDR jedoch keineswegs vorbei. Mitte der 1980er Jahre entstand der berühmte Videospielautomat Poly-Play, der erstmals mehrere digitale Spiele in einem einzigen Gerät vereinte und vielfach in öffentlichen Einrichtungen aufgestellt wurde. Viele wertvolle technische Erfahrungen, die beim Bildschirmspiel 01 gesammelt worden waren, flossen direkt in diese neue Entwicklung ein und legten so den Grundstein für eine weitere faszinierende Episode der ostdeutschen Spielegeschichte.



