81-Jährige päppelt Igel auf: So hilft man den Tieren im Winter
81-Jährige päppelt Igel auf: Tipps für den Winter

Elf hungrige Mäuler, jeden Abend Arbeit. Wenn Gabriele Giesel gegen halb sechs in ihren Garten in Zörbig geht, beginnt die Versorgung ihrer Igel. Die 81-Jährige reinigt Käfige, spült Näpfe und verteilt Futter. Bis zu zwei Stunden ist sie täglich beschäftigt.

Seit über 20 Jahren im Einsatz

Seit mehr als zwei Jahrzehnten kümmert sich die Rentnerin aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld um verletzte oder zu schwache Tiere. Was mit einem Zufallsfund begann, ist heute eine kleine private Auffangstation. Ihr Ziel: die Population stärken und vor allem Jungtiere durchbringen, die den Winter allein nicht schaffen würden. „Ich möchte, dass wir eine gesunde Igelpopulation haben“, sagt sie.

Aktuell leben elf Tiere bei ihr – eigentlich zu viele. „Für mich persönlich ist das inzwischen ein bisschen viel“, sagt sie lächelnd, „bin ja nun nicht mehr die Jüngste.“

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Ein halbes Jahr im Einsatz

Die Arbeit mit den Igeln konzentriert sich auf die entscheidende Zeit vom Herbst über den Winter bis ins Frühjahr. Dann werden besonders viele geschwächte Tiere gefunden – häufig zu spät geborene Jungtiere, die sich nicht genügend Fettreserven anfressen konnten. „Das geht so ab Oktober los“, sagt Giesel. Im Frühjahr, meist bis Mitte Mai, werden die Tiere wieder ausgewildert.

Auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU) bestätigt diese kritische Phase: Igel müssen sich im Frühjahr und Sommer ausreichend Gewicht anfressen, um den Winterschlaf zu überstehen. Tiere, die zu leicht sind, haben geringe Überlebenschancen.

Füttern im Zwei-Stunden-Takt

Besonders aufwendig ist die Pflege der ganz kleinen Igel. Manche wiegen nur 60 oder 80 Gramm, wenn sie abgegeben werden. Dann heißt es: füttern im Zwei-Stunden-Takt, auch nachts. „Alle zwei Stunden, Tag und Nacht“, beschreibt Giesel den Rhythmus. Die Tiere bekommen spezielle Aufzuchtnahrung per Spritze. Das erfordere Geduld – nicht jeder Igel beginne sofort zu trinken.

Untergebracht sind die Tiere in einem umgebauten Gartenhaus sowie in Kästen im Freien. Jede Box ist ein eigenes kleines Gehege mit Holzkisten als Unterschlupf, ausgelegt mit Zeitungspapier. Zum Fressen kommen sie meist erst am Abend heraus. Jeder Igel lebt für sich, denn sie seien „absolute Einzelgänger“.

Igel sind Gourmets

Igel sind wählerischer als viele denken. „Igel sind Gourmets“, sagt Giesel. Manche Tiere haben ganz eigene Vorlieben: Einer frisst nur gekochte Hühnerflügel, ein anderer verschmäht Rührei, wieder ein anderer nimmt nur bestimmte Futtersorten an. Wechselt man die Marke, kann es passieren, dass ein Igel die ganze Nacht nichts frisst. Jeder hat einen Namen: Bambi, Paulchen oder Octavio. In einem Tagebuch hält die 81-Jährige genau fest, woher die Tiere kommen, wie viel sie wiegen und wie sie sich entwickeln.

Auswilderung mit Vorbereitung

Im Frühjahr beginnt die nächste Phase: die Auswilderung. Viele Finder holen ihre Tiere wieder ab. Einfach aussetzen reicht nicht. Stattdessen werden die Tiere zunächst in einem Gehege an ihrem künftigen Lebensort untergebracht. Dort bleiben sie einige Tage, bekommen Futter und gewöhnen sich an die Umgebung. Erst dann geht es in die Freiheit. Viele Tiere seien zu spät im Jahr geboren worden und hätten in der Natur zu wenig gelernt. Mit zu geringem Gewicht in den Winterschlaf zu gehen, sei oft tödlich: Die Tiere wachen im Winter auf, finden keine Nahrung und verhungern.

Nützlinge im Garten

Igel sind für Gärtner durchaus hilfreich: Sie fressen Insekten, Würmer und andere Kleintiere und halten so Schädlinge in Schach. Anders als oft angenommen, sind sie reine Fleischfresser und ernähren sich nicht von Obst.

Viele Gefahren für Igel

Warum die Hilfe nötig ist, sieht Giesel jeden Tag. Straßenverkehr, Zäune, offene Schächte oder Gift im Garten setzen den Tieren zu. Besonders kritisch sieht sie den Einsatz von Mährobotern – die Verletzungen seien „furchtbar“. Naturschützer warnen ebenfalls: Vor allem nachts laufende Mähroboter stellen eine große Gefahr dar, weil sich Igel bei Gefahr einrollen, statt zu fliehen. Immer häufiger werden verletzte Tiere in Auffangstationen gebracht. Auch beim Autofahren wünscht sich Giesel mehr Rücksicht. Es sei für sie unverständlich, wie Igel selbst in Tempo-30-Zonen überfahren würden.

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Was Gartenbesitzer tun können

Wer Igeln helfen will, kann schon mit einfachen Mitteln viel erreichen: Laub- und Reisighaufen im Garten liegen lassen, auf Gift verzichten, Ausstiegshilfen in Teichen anbringen und kleine Durchgänge im Zaun schaffen. Solche naturnahen Gärten bieten Nahrung und Unterschlupf. Gabriele Giesel hofft, dass mehr Menschen darauf achten. Man könne nur darauf setzen, dass die Menschen umdenken und Rücksicht nehmen.

Für sie selbst ist die Arbeit längst zur Routine geworden – zumindest für ein halbes Jahr. Und auch wenn es viel Arbeit ist, nimmt sie immer wieder neue Tiere auf, wenn jemand Hilfe sucht. Dann raschelt es wieder in den Kisten im Garten in Zörbig. Die Igel werden wach – und Gabriele Giesel beginnt von vorn.