Psychologin erklärt: Warum der gestrandete Buckelwal so viele Menschen bewegt
Gestrandeter Buckelwal: Psychologische Gründe für Anteilnahme

Warum uns der gestrandete Buckelwal so tief berührt

Die tagelange Rettungsaktion für einen Buckelwal, der vor Timmendorfer Strand auf einer Sandbank festsaß, hat in der Nacht zu einem vorläufig positiven Ergebnis geführt: Das Tier konnte sich befreien. Doch warum bewegt das Schicksal dieses einzelnen Wals so viele Menschen? Uta Maria Jürgens, Psychologin mit Forschungsschwerpunkt auf Mensch-Wildtier-Beziehungen, liefert faszinierende Erklärungen.

Charismatische Spezies mit symbolischer Bedeutung

Laut Jürgens gehören Wale zu den „charismatischen Spezies, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen“. Es handelt sich um große, gut erkennbare Tiere, die für viele Menschen symbolische Bedeutung tragen. „Bei Walen verdichten sich viele Bilder, Sehnsüchte und Sorgen, die wir haben“, erklärt die Expertin. Ein Wal rufe intensive Gefühle hervor, weshalb Walbeobachtung so beliebt sei. „Treffen wir so ein Tier dann noch an einem Ort an, wo wir ihm sonst nicht oder selten begegnen, sind natürlich besonders viel Aufmerksamkeit und der Wunsch da, auf irgendeine Art dabei zu sein.“

Ausgleich für ökologisches Schuldempfinden

Ein weiterer wichtiger Aspekt sei das menschliche Bedürfnis, über eine persönliche Beziehung zum Tier eine Verbindung zur Natur aufzubauen. „Wir wissen, dem Lebensraum Meer geht es schlecht. Wir wissen auch, Meeressäugern geht es schlecht. Und jetzt haben wir den Eindruck, für so ein Wesen wirklich einen Unterschied machen zu können“, so Jürgens. Dadurch gleiche man ein gewisses Schuldempfinden gegenüber der Natur und Lebensräumen wie dem Meer aus. Gleichzeitig werde eine tiefe Sehnsucht nach Kontakt und Nähe zur Natur bedient.

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Der Unterschied zu leidenden Tieren in Massentierhaltung oder Tierheimen liege darin, dass viele Menschen bei dem Wal „persönlich andocken können“. Die Psychologin verweist auf ähnliche Phänomene: „Es gibt auch immer mal wieder Meldungen von einzelnen Tieren, die aus einem Tiertransport entkommen sind. Dann gibt es plötzlich Spendenaktionen, damit dieses eine Schwein oder Rind irgendwo untergebracht werden kann.“ In solchen Fällen habe man ein persönliches Gegenüber, das Gefühle hervorrufe und den Wunsch auslöse, zu helfen.

Das Meer als emotionaler Sehnsuchtsort

Hinzu komme die besondere Bedeutung des Meeres, für das der Buckelwal sinnbildlich stehe. „Für die meisten Menschen ist das ein Sehnsuchtsort, den sie gut mit Bedeutungen und Gefühlen aufladen können, ohne die raue Realität dieses Lebensraums mitzubekommen“, erläutert Jürgens. Die wenigsten seien Fischer oder führen zur See. Werde dem Wal geholfen, stelle sich für die Menschen das Empfinden ein: Man könne dem ganzen Lebensraum helfen. Deshalb würden aufwendige und teure Rettungsmaßnahmen von vielen befürwortet – selbst wenn unklar gewesen sei, ob der Wal überleben würde.

Beherrschbare Aufgabe in unübersichtlichen Zeiten

Im Vergleich zu großen globalen Krisen stelle der Buckelwal eine „beherrschbare Aufgabe mit einem sehr engen Zeithorizont“ dar. Innerhalb weniger Tage wisse man, ob die Rettungsaktionen erfolgreich gewesen seien und der Wal überlebe. „Und jeder, der jetzt zum Strand gefahren ist, gespendet oder einfach die Daumen gedrückt hat, hat das Gefühl, unmittelbar etwas für das Tier zu bewirken“, führt die Psychologin aus. Große Krisen seien ausufernd, sie überwältigten und überforderten Menschen – doch der Wal lade uns ein, zu sagen: „So können wir dem Guten in der Welt Vorschub leisten“.

Psychologisch betrachtet seien Menschen für persönliche Begegnungen mit anderen Lebewesen gemacht, erklärt Jürgens abschließend. Deshalb könne man mit dem konkreten Schicksal eines einzelnen Wals emotional mehr anfangen als mit abstrakten Diskussionen über ganze Tierarten. Die Rettungsaktion vor Timmendorfer Strand habe somit nicht nur einem Wal geholfen, sondern auch menschliche Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Wirksamkeit angesprochen.

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