Seit Tagen ist der vor der Ostsee-Insel Poel gestrandete Buckelwal von Menschen umgeben. Boote und technisches Gerät verursachen Lärm, und selbst Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus nähert sich dem Tier direkt. „Ich bin heute Morgen bei ihm gewesen, direkt an ihm dran“, sagte er am Freitag. Auch am Sonntag ließ er sich wieder zum geschwächten Walbullen bringen und fasste ihn sogar an. Der Wal scheint dies gelassen hinzunehmen – doch dieser Eindruck könnte trügen.
Kontakt bedeutet Stress für Wildtiere
„Wildtiere sind grundsätzlich nicht an Menschen gewöhnt, das heißt, jede Annäherung und insbesondere Lärm bedeuten enormen Stress und lösen meistens Fluchtverhalten aus“, erklärt das Deutsche Meeresmuseum. „Die Möglichkeit der Flucht hat der Buckelwal in seiner jetzigen Lage nicht, was die Situation für ihn noch dramatischer macht.“ Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betont ebenfalls, dass Kontakt zu Menschen für Wildtiere immer Stress bedeute. Bei Rettungseinsätzen in Nordamerika hätten alle Meeressäuger Anzeichen von Angst gezeigt, wenn man sich ihnen näherte. Bei Robben äußere sich dies durch Gähnen und Flossenschläge, bei Großwalen sei das Stresserleben häufig nicht direkt offensichtlich. „Dazu können eine erhöhte Herzfrequenz, Atemfrequenz und andere physiologische Stresssymptome gehören, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sein können.“
Gutgemeintes kann zusätzlich quälen
Die Organisation rät daher, so viel Abstand wie möglich zu halten und das Tier aus der Ferne zu beobachten. „Wir würden nicht empfehlen, dass Menschen zur Gesellschaft oder zum Trost bleiben – auch wenn dies gut gemeint ist, kann es den Wal zusätzlich belasten.“ Ein physisches Eingreifen solle nur in Ausnahmesituationen, mit möglichst wenig Einsatzkräften und für kurze, gezielte Maßnahmen erfolgen. Die augenscheinliche Ruhe des Buckelwals könne in die Irre führen. „Es gibt Daten, die belegen, dass manche Wale die Lautstärke und Häufigkeit ihrer Laute erhöhen, wenn sie unter Stress stehen und menschengemachtem Lärm ausgesetzt sind, während andere Wale unter ähnlichen Umständen möglicherweise ganz aufhören zu kommunizieren“, so WDC. Ähnliches gelte für Bewegungen: Manche Wale äußerten ihren Stress durch Flossenschläge, andere verfielen in eine Art Myopathie, bei der die Muskeln sich verkrampfen und das Individuum als Reaktion auf Stress eher ruhig wird.
Kakophonie der vermeintlichen Experten
Der Meeresbiologe Boris Culik, früher am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, fordert ein kompetentes Team vor Ort mit Tierarzt, Biologen und erfahrenem Bootsführer. „Aktuell haben wir eine Kakophonie aus wechselnden vermeintlichen Experten, deren Befähigung und Erfahrungen niemand hinterfragt. Influencer, Politiker, Behörden, Entscheidungswirrwarr und Bürokratie.“ Greenpeace-Experte Thilo Maack sagt: „Keinem Wildtier an Land, wie zum Beispiel einem sterbenden Wolf, Hirsch oder Wildschwein, würde man ein solches ans Würdelose grenzende Gezerre zumuten.“
Vermenschlichung des Walverhaltens
Mehrmals erklärten Beteiligte, sie hätten eine Verbindung zum Wal aufgenommen und eine Beziehung aufgebaut. WDC warnt davor, das Verhalten des gestrandeten Wals zu vermenschlichen. Auch Minister Backhaus hatte in den letzten Tagen stark vermenschlichende Sätze geäußert, etwa: „Wenn man bei ihm ist und er Vertrauen zu fassen scheint, hebt er den Kopf.“
Möglicherweise auf der Suche nach Ruhe
Tatsächlich könnte es dem Tier den Experten zufolge sehr schlecht gehen – auch wenn eine genaue Einschätzung ohne fachkundige Untersuchung kaum möglich ist. Fünfmal ist der Buckelwal in flaches Wasser geschwommen, möglicherweise verließ er schon den ersten Platz vor Timmendorfer Strand wegen des Getöses um ihn herum. „Es ist durchaus denkbar, dass sich der Wal zum Ausruhen oder sogar zum Sterben in das niedrige Gewässer begeben hat“, so WDC. Der Walforscher Fabian Ritter geht davon aus, dass der Wal die ruhende Position im flachen Wasser womöglich immer wieder einnimmt, „weil er sich das Leben erleichtern will. Er muss nicht dafür sorgen, dass er an die Oberfläche kommt. Er braucht sich nicht bewegen, wenn er Schmerzen hat. Und er kann atmen, die ganze Zeit.“
Euthanasie als letzte Option?
WDC ist der Ansicht, dass in der aktuellen Situation die einzig vertretbare Maßnahme die Euthanasie des Wals wäre. „Die Durchführung erfordert jedoch spezielle fachliche Expertise sowie Erfahrung mit der Euthanasie großer Wale und ist mit Risiken für die beteiligten Einsatzkräfte verbunden.“ Experten waren in einem wissenschaftlichen Gutachten schon Anfang April zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Rettungsversuch nicht erfolgversprechend sei und erhebliche Risiken für das Tier berge. „Leider ist der aktuelle Rettungsversuch das genaue Gegenteil“, sagt Maack.
Hintergrund: 300.000 Wale und Delfine leiden jährlich ähnlich
WDC betont, dass jedes Jahr rund 300.000 Wale und Delfine weltweit einen ähnlich langen Leidensweg haben, da sie sich in Fischereigeräten verstricken. Im Fokus sollten immer die langfristigen Überlebenschancen stehen: wie realistisch es ist, dass das Tier ohne langfristiges Leid und Schmerzen überlebt. Für den Wal vor Poel seien diese Chancen extrem gering.



