Sachsens Tierheime am Limit: Traumatisierte Hunde warten seit Jahren auf ein Zuhause
Eigentlich sollte das Tierheim nur eine Zwischenstation sein. Doch für immer mehr Hunde in Sachsen wird es zur Endstation. Ein Hund im Dresdner Tierheim bewohnt seit 2014 denselben Zwinger – zwölf Jahre Warten auf ein neues Zuhause, zwölf Jahre, in denen niemand kam. Er ist kein Einzelfall. In sächsischen Tierheimen häufen sich die Schicksale von Tieren, die niemand mehr haben will: verhaltensauffällig, traumatisiert, vergessen.
Die langen Schatten der Überforderung
Lutz Meißner, Abteilungsleiter Tierschutz im Dresdner Amt, kennt solche Geschichten nur zu gut. Er sieht täglich, was aus den treuen Begleitern wird, wenn ihre Besitzer versagt haben. „Der Prozentsatz der Tiere, die lange dableiben, der steigt“, sagt er. Manche Bewohner sterben sogar im Heim, ohne jemals Freiheit gekostet zu haben.
Viele der Schützlinge gelten als kaum vermittelbar. Sie kommen nicht nur krank an, sondern auch psychisch gebrochen. „Verhaltenstechnisch äußerst auffällig“, nennt es Meißner. Ihre vorherigen Besitzer hatten oft keine Ahnung von Tierhaltung, was ihn fassungslos macht. Denn heute ist Wissen so leicht zugänglich wie nie. „Man muss sich dafür nicht einmal ein Buch kaufen. Es gibt kostenlose Angebote im Netz.“ Doch die Bereitschaft fehlt: Lernen, sich informieren, Arbeit investieren – Fehlanzeige.
Das Tier als Wegwerfprodukt
Ira Weißbach vom Tierschutzverein Chemnitz erlebt die Konsequenzen täglich. „Die Tendenz, dass die Anzahl von Hunden mit Beißvorfällen oder auffälligem Verhalten ansteigt, merken auch wir“, berichtet die Tierschützerin. Ein Muster wiederholt sich: Internetplattform, schnelle Anschaffung, großer Hund im besten Alter, Kinder im Haushalt, dann die Überforderung. Das Tier wird zum „Konsumgut“. „So schnell, wie es angeschafft wurde, wollen es die Leute auch wieder loshaben.“
Ihr Appell klingt verzweifelt: „Es wäre schön, wenn die Leute endlich wieder einmal über ihr Handeln nachdenken und wirklich genau überlegen, ob ein Tier in ihr Leben passt.“
Zwischen Vernachlässigung und Überbehütung
Die Extreme haben laut Weißbach zugenommen. „Es ist irgendwie alles extremer geworden, sowohl bei der Vernachlässigung von Tieren oder ihrer Misshandlung als auch bei Überbehütung“, sagt sie. Menschen, die verwahrlosen und ihre Schützlinge mit sich ziehen, stehen anderen gegenüber, die ihre Haustiere wie Ausstellungsstücke behandeln.
Michael Sperlich, 1. Vorsitzender des Landestierschutzverbandes Sachsen und Leiter des Leipziger Tierheims, zieht eine düstere Bilanz: „Die Konfrontation mit teilweise sehr erheblichen Vernachlässigungen von Tieren ist unsere fast tägliche Arbeitssituation.“ Das Anspruchsdenken wächst seit Jahren – viele Halter betrachten sich als Kunden, die eine Art Garantie erwarten und Zusicherungen für die Gesundheit ihrer abgegebenen Vierbeiner fordern, was objektiv unmöglich ist.
Zunehmende Aggressivität gegenüber Mitarbeitern
Vor allem bei Zwangspflegefällen eskaliert die Situation. Im vergangenen Jahr kamen allein in Dresden 90 Hunde und 120 Katzen ins Heim, weil ihre Besitzer sich nicht kümmerten oder nicht kümmern konnten – aufgrund von Krankheit, Verstößen gegen das Tierwohl oder Haftstrafen.
„Dazu nehmen wir eine steigende Aggressivität unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber wahr“, betont Sperlich. Ein Phänomen, das in allen sächsischen Tierheimen zu beobachten ist. Meißner erinnert sich an einen drastischen Fall aus Dresden: „Dann kommen die Leute und randalieren hier oder bedrohen uns.“ Ein Mann brach sogar ins Tierheim ein, um seinen Hund zurückzuholen, und bedrohte mehrfach die Mitarbeiter – Aggression im Namen der Tierliebe.
Auch Weißbach kennt psychischen Druck und Beleidigungen. Manchmal versuchen Besitzer, ihre Vierbeiner mit konstruierten Allergien oder angeblichen Verhaltensauffälligkeiten loszuwerden. „Tierheime sind für die Fundtiere und Tiere in Verwahrung zuständig. Sie haben aber nicht die Pflicht, Tiere aus Privathand zu übernehmen, weil diese ihren Haltern lästig geworden sind“, stellt sie klar. Die Reaktionen sind erschütternd: „Wenn sie den nicht nehmen, muss ich mir einen Tierarzt zum Einschläfern suchen“ oder „Soll ich das Tier lieber aussetzen?“
Die Vergessenen: Exoten und alte Tiere
Besonders hoffnungslos ist die Lage für sogenannte „Exoten“. Rund 100 solcher Bewohner aus fremden Breiten leben aktuell im Leipziger Tierheim – darunter diverse Nattern und große Würgeschlangen. „Besonders schwer haben es in der Vermittlung große Schlangen. Wir betreuen einige unserer Tiere seit nunmehr über 10 Jahren“, sagt Sperlich. Lebensdauer und Nebenkosten werden oft unterschätzt.
Katzen haben meist gute Chancen – außer sie sind alt, krank oder brauchen Spezialfutter. In Dresden hofft Meißner weiter auf ein Wunder für die schwer vermittelbaren Hunde. „Wir haben eine ganze Reihe Hunde, da wird die Vermittlung sehr schwer. Es sei denn, es verliebt sich einer in so ein Tier.“ Zwölf Jahre wartet der Hund schon. Vielleicht kommen noch zwölf dazu. Oder mehr. Ein Zuhause bleibt für viele ein unerfüllter Traum.



