Vierter Tag der Wal-Rettung vor Poel: Wind und steigender Wasserstand könnten Befreiung bringen
Wal-Rettung vor Poel: Vierter Tag mit Hoffnung auf Selbstbefreiung

Vierter Tag der spektakulären Wal-Rettung vor Poel

Die beispiellose Rettungsaktion für den gestrandeten Buckelwal vor der Ostseeinsel Poel geht am Sonntag in ihren vierten Tag. Seit Donnerstag versucht ein privat finanziertes Team aus Helfern und Spezialfirmen, den etwa zwölf Meter langen Meeressäuger aus seiner misslichen Lage zu befreien. Der Wal, der seit Ende März in der Bucht festsitzt, hat bundesweit für Anteilnahme gesorgt und eine intensive Debatte über den richtigen Umgang mit dem Tier ausgelöst.

Steigender Wasserstand als möglicher Wendepunkt

Am Sonntag könnte sich die Situation entscheidend verändern. Mit steigendem Wasserstand, zunehmendem Wind und Wellengang rechnen die Experten in den kommenden Stunden. „Der Wal lebt, er ist aktiv, er vokalisiert, er aktiviert sich immer wieder“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD). Diese Aktivität könnte das Tier sogar dazu animieren, sich selbst zu befreien und loszuschwimmen.

Für diesen Fall ist das Rettungsteam nach eigenen Angaben bestens vorbereitet. „Die DLRG-Boote sind auf Stand-by, dass für den Fall, dass er losschwimmt, wir ihn dann guiden können“, erklärte Rechtsanwältin Constanze von der Meden, die Teil der privat finanzierten Initiative ist. Der Wasserstand könne um 50 bis 60 Zentimeter steigen, was die Situation deutlich verändern würde.

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Komplexer Rettungsplan mit Luftkissen und Schleppern

Der ambitionierte Rettungsplan, der von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert finanziert wird, sieht mehrere aufeinanderfolgende Schritte vor:

  • Zuerst soll der Schlick unter dem Wal weg gespült werden
  • Anschließend wird das Tier mit speziellen Luftkissen angehoben
  • Eine spezielle Transportplane wird unter dem Wal positioniert
  • Schlepper sollen das Tier zwischen zwei Schwimmkörpern in die Nordsee ziehen

Bereits am Samstag wurden wichtige Vorbereitungen getroffen. Die Netzplane, auf der der Wal transportiert werden soll, ist im Wasser und in Sichtweite des Tieres positioniert worden. Dies soll dem Wal die Möglichkeit geben, sich an das ungewöhnliche Objekt zu gewöhnen.

Gesundheitszustand des Wals sorgt für Diskussionen

Über den Gesundheitszustand des Buckelwals gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Während einige Experten von einem schwer kranken Tier sprechen, zeigen sich die beteiligten Tierärzte der Rettungsinitiative optimistischer. „Er atmet deutlich tiefer ein. Das ist ein gutes Zeichen“, sagte Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert.

Fünf Tierärzte überwachen den Wal rund um die Uhr – drei von der privaten Initiative und zwei von der staatlichen Veterinärverwaltung. „Dass das ein Tier ist, das nicht in den letzten Zügen liegt, haben wir gesehen“, so Bahr-van Gemmert weiter. Sie wies Bedenken zurück, dass der Rettungsversuch dem Tier schaden könnte: „Wir sind nicht hier, um irgendeinem Tier weiteres Leiden zuzufügen.“

GPS-Sender für die Überwachung geplant

Sollte die Rettung gelingen, plant das Team, den Wal mit einem GPS-Sender auszustatten. „Es wird jetzt im Übrigen auch noch geprüft, ob wir ihm einen GPS-Sender verabreichen, wenn ich das mal so sagen darf, also aufkleben“, erklärte Umweltminister Backhaus. Dies würde es ermöglichen, den Wal auch nach seiner Befreiung zu verfolgen und seinen Weg in die offene See zu dokumentieren.

Kritische Stimmen und wissenschaftliche Bedenken

Nicht alle Beobachter teilen den Optimismus des Rettungsteams. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace äußerte massive Bedenken: „Die Chancen, dass er in der Nordsee landet und dort frei schwimmt, sind gering“, sagte ein Sprecher. Die Organisation geht davon aus, dass der Wal in der Nordsee ertrinken würde, weil er durch den langen Aufenthalt in der Ostsee zu sehr geschwächt sei.

Auch die Band Santiano positionierte sich deutlich gegen weitere Rettungsversuche. In einem ausführlichen Statement in sozialen Medien betonten die Musiker: „Großflächige Hautabplatzungen, die mit jeder Berührung größer und mehr werden, sprechen sehr dagegen, jetzt noch einmal so tätig zu werden“.

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Logistische Herausforderungen und Verzögerungen

Die Rettungsaktion hat sich bereits mehrfach verzögert. Ursprünglich war geplant, den Wal bereits am Freitag in Richtung Nordsee zu transportieren. „Wir sind einen Tag hinten dran“, räumte Initiator Walter Gunz ein. Als Gründe nannte er bürokratische Hürden und die komplexe Abstimmung mit verschiedenen Behörden.

Am Hafen von Kirchdorf, dem Basislager der Operation, herrscht dennoch reger Betrieb. Der Schlepper „Robin Hood“ ist eingetroffen und soll den Wal im Erfolgsfall bis in die Nordsee ziehen. Begleitet werden soll er von dem Arbeitsschiff „Fortuna B“. Eine solche Tour bis zur Nordspitze Dänemarks könnte nach Schätzungen etwa 100 Stunden dauern.

Emotionale Debatte und öffentliches Interesse

Das Schicksal des Buckelwals hat eine emotionale Debatte in ganz Deutschland ausgelöst. Der Deutsche Ethikrat sieht in der Reaktion vieler Menschen einen Versuch, Handlungsfähigkeit statt Ohnmacht zu demonstrieren. „Wir fühlen uns ohnmächtig und da können wir jetzt was tun“, erklärte eine Sprecherin des Gremiums.

Vor Ort auf Poel versammeln sich täglich Schaulustige, die das Geschehen verfolgen. Einige reisen aus weit entfernten Regionen Deutschlands an, um die Rettungsaktion mitzuerleben. Die Polizei sichert das Gebiet ab und überwacht die Einhaltung der Sperrzone, die in einem Radius von 500 Metern um den Wal eingerichtet wurde.

Die kommenden Stunden werden zeigen, ob der Wal sich tatsächlich selbst befreien kann oder ob das aufwendige Rettungskonzept der privaten Initiative zum Erfolg führt. Unabhängig vom Ausgang hat die Geschichte des gestrandeten Buckelwals bereits jetzt tiefe Spuren in der öffentlichen Wahrnehmung hinterlassen.