Walrettung in der Ostsee: Plan B für mögliche Selbstbefreiung des Buckelwals aktiviert
Die dramatische Rettungsaktion für den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal vor der Insel Poel in Mecklenburg-Vorpommern nimmt eine unerwartete Wendung. Nach rund vier Tagen intensiver Vorbereitungen für den geplanten Transport des Meeressäugers zurück ins offene Meer stehen die Retter nun vor neuen Herausforderungen. Der zunehmende Wind und ein deutlich steigender Wasserstand könnten dazu führen, dass sich das Tier möglicherweise aus eigener Kraft befreit.
Rettungsversuch bei Stunde null – Wasserstand steigt dramatisch
Der für Sonntag geplante Transport des Buckelwals aus der Bucht der Insel Poel musste abgesagt werden. Walter Gunz, Mitgründer von Mediamarkt und einer der Finanziers der privaten Rettungsinitiative, erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, der gestiegene Wasserstand mache das Anbringen der Pontons und das geplante Begleiten des Wals unmöglich. „Gestern hätten wir die richtige Wasserhöhe noch gehabt“, sagte Gunz. „Heute haben wir plötzlich 70 Zentimeter mehr.“ Diese Veränderung stelle eine völlig neue Situation dar.
Der Wal, der bereits seit 20 Tagen im flachen Wasser der Wismarbucht festliegt, registriere nun vollumfänglich, dass er freier sei. Dies werfe die entscheidende Frage auf, ob sich das Tier überhaupt noch geleiten lasse. „Jetzt sind wir quasi irgendwo Stunde null“, resümierte Gunz die aktuelle Lage. Das lang erdachte Rettungskonzept, bei dem eine Plane unter den Wal gezogen und an Pontons befestigt werden sollte, die wiederum von einem Schlepper gezogen würden, sei so nicht mehr durchführbar.
Plan B: DLRG-Boote stehen bereit für mögliche Selbstbefreiung
Für den Fall, dass der Wal sich tatsächlich selbst freischwimmen sollte, hat die Rettungsinitiative einen detaillierten Plan B vorbereitet. Constanze von der Meden von der privaten Rettungsinitiative erklärte: „Das heißt, die DLRG-Boote sind auf Stand-by, dass für den Fall, dass er losschwimmt, wir ihn dann guiden können.“ Es sei sichergestellt, dass der Wal dann bis in die Nordsee und weiter in den Atlantik geleitet werden könne.
Interessanterweise hatte sich der Buckelwal in der Vergangenheit bereits einmal aus eigener Kraft freischwimmen können, sich dann aber erneut festgesetzt. Die Retter hoffen nun, dass eine erneute Selbstbefreiung gelingen und dauerhaft sein könnte.
Bürokratische Hürden und aktuelle Vorbereitungen
Walter Gunz beklagte zugleich Verzögerungen durch bürokratische Prozesse, die die Rettungsaktion um eineinhalb bis zwei Tage zurückgeworfen hätten. „Jetzt brauchen wir ein Wunder“, sagte er. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) wies diese Vorwürfe jedoch zurück und betonte, die Behörden hätten schnell und flexibel reagiert.
Trotz der Rückschläge laufen die Vorbereitungen weiter. Die für den Transport vorgesehene Plane befindet sich bereits im Wasser und ist für den Wal sichtbar. Am Sonntag wurde zudem eine Rinne vom tieferen Wasser in Richtung Wal hergestellt, indem Schlick weggesaugt wurde. Messungen des Umweltministeriums zufolge ist der Buckelwal 12,35 Meter lang, 3,20 Meter breit und 1,60 Meter hoch.
Zustand des Wals und Sicherheitsvorkehrungen
Die leitende Tierärztin der Initiative, Janine Bahr-van Gemmert, zeigte sich zuversichtlich zum Zustand des Tieres. „Er atmet deutlich tiefer ein. Das ist ein gutes Zeichen“, sagte sie. Der Wal habe am Morgen „tolle Reaktionen“ und viel Lebensenergie gezeigt. Bahr-van Gemmert, die auf Föhr ein Robbenzentrum leitet, betonte: „Wir sind nicht hier, um irgendeinem Tier weiteres Leiden zuzufügen.“ Vielmehr solle der Wal aus seinem „Gefängnis“ befreit werden.
Insgesamt sind fünf DLRG-Boote und ein Jet-Ski am Hafen von Kirchdorf sowie etwa 20 DLRG-Kräfte rund um den Buckelwal im Einsatz. Diese dienen sowohl der Rettung als auch der Sicherung des Einsatzpersonals. Eine zusätzliche Herausforderung stellt die zunehmende Windstärke dar, die die gesamte Rettungsaktion beeinträchtigen könnte.
GPS-Sender und wissenschaftliche Kontroversen
Falls der Buckelwal befreit werden oder sich selbst befreien kann, könnte das Tier mit einem GPS-Sender ausgestattet werden. Umweltminister Backhaus erklärte: „Es wird jetzt im Übrigen auch noch geprüft, ob wir ihm einen GPS-Sender verabreichen, wenn ich das mal so sagen darf, also aufkleben.“ Ein solcher Sender würde es ermöglichen, den Wal Tag und Nacht zu begleiten und seinen Weg genau zu verfolgen.
Kritik von Wissenschaftlern und anderen Fachleuten an der Rettungsaktion wies Tierärztin Bahr-van Gemmert entschieden zurück. „Diese Leute haben diesen Wal ja nicht gesehen. Wir haben ihn vor Ort gesehen“, argumentierte sie. Viele Experten waren zuvor zu dem Schluss gekommen, dass der Wal Ruhe brauche und weitere Eingriffe dem Tier massive Schäden zufügen würden. Sie hatten den Buckelwal als orientierungslos sowie so schwach und geschädigt beschrieben, dass er die Heimreise nicht schaffen werde.
Die Rettungsinitiative wird von der Unternehmerin Karin Walter-Mommert und Mediamarkt-Gründer Walter Gunz finanziert und in enger Abstimmung mit dem Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns durchgeführt. Fünf Tierärzte – drei von der privaten Initiative und zwei von der staatlichen Veterinärverwaltung – überwachen den Gesundheitszustand des Wals kontinuierlich.



