Vierter Tag der Walrettung vor Poel: Steigender Wasserstand als neue Hoffnung
Vor der Ostseeinsel Poel geht die beispiellose Rettungsaktion für einen gestrandeten Buckelwal in den vierten Tag. Nach intensiven Vorbereitungen durch eine privat finanzierte Initiative könnte nun der natürliche Anstieg des Wasserstandes dem zwölf Meter langen Meeressäuger die Flucht ermöglichen. Das Team hat für diesen Fall bereits Notfallpläne aktiviert.
Initiative bereitet sich auf mögliche Selbstbefreiung vor
Rechtsanwältin Constanze von der Meden, Teil der Rettungsinitiative, erklärte bei einer Pressekonferenz im Hafen von Kirchdorf: „Der Wasserstand könnte in den kommenden Stunden um 50 bis 60 Zentimeter steigen.“ Das Tier habe in den Morgenstunden wieder deutlich mehr Aktivität gezeigt. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hält ihre Boote in Bereitschaft, um den Wal im Falle einer Selbstbefreiung sicher in die Nordsee und weiter in den Atlantik zu geleiten.
Die Rettungsaktion wird von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert finanziert. Ihr Konzept sieht vor, den Schlick unter dem Wal wegzuspülen, das Tier mit Luftkissen anzuheben und es dann zwischen zwei Schwimmkörpern in die Nordsee zu transportieren. Doch die Bürokratie hat zu Verzögerungen geführt. „Wir sind einen Tag hinten dran“, räumte Gunz ein.
Wal-Flüsterer gibt Hoffnung
Eine besondere Rolle spielt der als „Wal-Flüsterer“ bekannte Schriftsteller Sergio Bambaren. Er hat nach Angaben der Initiatoren eine besondere Beziehung zum Tier aufgebaut. „Sergio kennt den Wal und der Wal kennt Sergio“, sagte Gunz. Bambaren schätze den Gesundheitszustand des Wales positiver ein als frühere unabhängige Fachleute. Der Wal zeige Empathie und erkenne, dass ihm geholfen werden soll.
Der etwa zwölf Meter lange und schätzungsweise zwölf bis fünfzehn Tonnen schwere Buckelwal strandete bereits Ende März in der Ostsee. Mehrfach verlor er auf Sandbänken an Kraft, bevor Experten ihn aufgaben. Die Bilder des leidenden Tieres lösten bundesweit Anteilnahme aus und entfachten eine kontroverse Debatte über das richtige Vorgehen.
Kritische Stimmen und wissenschaftliche Bedenken
Während die private Initiative Hoffnung macht, bleiben andere skeptisch. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sieht kaum Überlebenschancen für das geschwächte Tier. Die Band Santiano positionierte sich deutlich gegen weitere Rettungsversuche und warnte vor der Infragestellung wissenschaftlicher Expertise. Auch der Deutsche Ethikrat äußerte sich zu dem Phänomen, dass einige Menschen in der Walrettung Handlungsfähigkeit statt Ohnmacht in anderen Krisen suchten.
Umweltminister Till Backhaus (SPD) verteidigte die Duldung der Aktion: „Auch die Wissenschaft kann sich mal irren.“ Entscheidend sei das minimalinvasive Konzept. Das Land habe die Maßnahme nicht genehmigen können, da keine rechtliche Grundlage bestehe, dulde sie aber.
Logistische Herausforderungen und Transportvorbereitungen
Für den Transport des Wales steht der Schlepper „Robin Hood“ bereit, der normalerweise in Stralsund stationiert ist. Begleitet werden soll er von dem Arbeitsschiff „Fortuna B“. Eine Tour bis zur Nordspitze Dänemarks könnte etwa 100 Stunden dauern, wobei der Wal mit nur zwei bis vier Kilometern pro Stunde reisen soll.
Am Samstag war eine schwimmende Arbeitsplattform mit Bagger teils nah an den Wal herangerückt. Taucher breiteten ein Transportnetz im Wasser aus, an das sich das Tier gewöhnen soll. Fast der gesamte aus dem Wasser ragende Teil des Wal-Körpers ist mit nassen Tüchern bedeckt, die mit Zinksalbe bestrichen sind, um die Haut zu schützen.
Unterschiedliche Einschätzungen zum Gesundheitszustand
Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert vom Robbenzentrum Föhr, die an der Rettungsaktion beteiligt ist, sieht eine „reelle Chance“ für das Überleben des Wales. Sie geht nicht davon aus, dass das Tier verhungern könnte, da Buckelwale im Winter wenig Nahrung benötigten. Das Hauptproblem sei, dass der Wal in seinem „Gefängnis“ feststecke.
Dagegen verweist Greenpeace auf großflächige Hautabplatzungen und Netzreste im Maul des Tieres. Die Organisation befürchtet, dass der Wal selbst bei erfolgreicher Befreiung innerhalb weniger Stunden erneut stranden oder in der Nordsee ertrinken würde.
Großes öffentliches Interesse und emotionale Debatte
Das Interesse an der Rettungsaktion ist enorm. Schaulustige reisen aus ganz Deutschland an, Familien campieren hinter Absperrungen. Ali T. aus Hannover sagte: „Ich habe eine mehrstündige Autofahrt auf mich genommen. Was mich fasziniert, ist, dass der Wal eigentlich schon totgeglaubt wurde.“
Die emotionale Debatte spaltet auch die Fachwelt. Während einige Experten jede Chance nutzen wollen, warnen andere vor zusätzlichem Stress für das bereits geschwächte Tier. Unklar bleibt, ob sich der Wal am Sonntag tatsächlich aus eigener Kraft befreien kann oder ob die aufwendige Bergungsaktion doch noch notwendig wird.



