Europa-Bericht: Klimawandel gefährdet Gesundheit immer stärker
Der Klimawandel stellt eine wachsende Bedrohung für die Gesundheit der Menschen in Europa dar. Ein aktueller Bericht zieht eine alarmierende Bilanz der Auswirkungen, die bereits heute deutlich spürbar sind.
Dramatischer Anstieg hitzebedingter Todesfälle
Der "Lancet Countdown Europe Report 2026" zu Klimawandel und Gesundheit dokumentiert einen besorgniserregenden Trend: In 99,6 Prozent der untersuchten Regionen Europas ist die Zahl hitzebedingter Todesfälle im Zeitraum von 2015 bis 2024 gegenüber 1991 bis 2000 gestiegen. Der durchschnittliche jährliche Gesamtanstieg beträgt 52 Todesfälle pro Million Einwohner.
Besonders betroffen sind südeuropäische Länder: In Teilen Spaniens, Italiens, Griechenlands und Bulgarien liegen die Werte großteils über 120 Todesfällen pro Million Einwohner. Die Studie einer internationalen Forschungsgruppe um Joacim Rocklöv vom Universitätsklinikum Heidelberg ist im renommierten Fachmagazin "The Lancet" erschienen.
Extreme Hitze und frühere Allergiesaison
Die Zahl der Tage mit Gesundheitswarnungen vor extremer Hitze erhöhte sich im europäischen Durchschnitt um beeindruckende 318 Prozent. In Westeuropa, einschließlich Deutschland, fällt der Anstieg mit 450 Prozent besonders hoch aus. "Wir sehen sehr deutlich, dass der durch die Nutzung von fossilen Brennstoffen angetriebene Klimawandel eine wachsende Bedrohung für die Gesundheit einer immer größer werdenden Zahl von Menschen in Europa darstellt", erklärt Rocklöv.
Neben der Hitze identifizieren die Studienautoren weitere Gesundheitsrisiken:
- Die Pollensaison für allergene Baumarten beginnt ein bis zwei Wochen früher
- Betroffene leiden somit früher unter Heuschnupfen-Symptomen
- Das Risiko für tropische Infektionskrankheiten steigt deutlich
Ausbreitung tropischer Krankheiten
Die Verbreitung tropischer Stechmücken in Europa nimmt zu, was das Übertragungsrisiko für verschiedene Viruserkrankungen erhöht. Das jährliche Übertragungsrisiko für das Dengue-Virus stieg im Zeitraum 2015 bis 2024 gegenüber 1980 bis 2010 um 297 Prozent. Auch die Überträger von Malaria, West-Nil-Fieber und weiteren Krankheiten finden zunehmend bessere Verbreitungsbedingungen auf dem europäischen Kontinent.
Gemischte Bilanz bei erneuerbaren Energien
Die Forscher dokumentieren zwar positive Entwicklungen – der Anteil erneuerbarer Energien an der gesamten europäischen Stromversorgung stieg von 8,4 Prozent im Jahr 2016 auf 21,5 Prozent im Jahr 2023 – doch bleiben erhebliche Probleme bestehen. Weiterhin fließen enorme Summen in fossile Brennstoffe: Die Subventionen für Kohle, Erdgas und Erdöl betrugen allein im Jahr 2023 insgesamt 444 Milliarden Euro.
"Obwohl sich Europa in mehreren internationalen Foren verpflichtet hat, die Subventionen für fossile Brennstoffe bis 2025 schrittweise abzubauen, wurde für 2023/2024 ein starker Anstieg der Subventionen verzeichnet", schreiben die Studienautoren. Dieser Anstieg wurde durch die Energiekrise infolge des russischen Einmarsches in die Ukraine ausgelöst.
Problemfall Biomasse-Verbrennung
Auch bei den erneuerbaren Energien gibt es besorgniserregende Entwicklungen: Feste Biomasse machte 31 Prozent des gesamten Verbrauchs erneuerbarer Energien im Jahr 2023 aus. Zwar gilt das Verbrennen von Biomasse wie Holzpellets als erneuerbare Energiegewinnung, da nur das während des Wachstums aufgenommene Kohlendioxid freigesetzt wird, jedoch werden dabei giftige Substanzen und Feinstaub in die Atmosphäre abgegeben.
Die Todesfälle, die auf das Verbrennen von Biomasse in Wohngebäuden zurückzuführen sind, haben zwischen 2000 und 2022 um vier Prozent zugenommen – ein deutlicher Hinweis auf die gesundheitlichen Risiken dieser Energiequelle.
Appell für langfristige Lösungen
Die Forscher mahnen eindringlich, die Gesundheitsfolgen des Klimawandels nicht zu unterschätzen. Hedi Kriit, Erstautorin der Studie vom Universitätsklinikum Heidelberg, warnt: "Immer mehr Länder planen Anpassungsmaßnahmen im Gesundheitsbereich, doch ohne langfristige und verlässliche Finanzierung werden diese Pläne in der Schublade verschwinden, während sich die Auswirkungen weiter verschärfen."
Rocklöv betont die Dringlichkeit des Handelns: "Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, werden darüber entscheiden, ob sich die Gesundheitsfolgen rasch verschärfen oder ob wir uns auf ein sichereres, gerechteres und resilienteres Europa zubewegen." Der Bericht unterstreicht die Notwendigkeit umfassender Maßnahmen, um die Gesundheit der europäischen Bevölkerung vor den zunehmenden Folgen des Klimawandels zu schützen.



