Die unsichtbare Arbeitskraft: Wenn Mehrarbeit nicht als Arbeit zählt
Wenn über Arbeitszeitbetrug diskutiert wird, dominieren meist klassische Szenarien das Bild: private Aktivitäten während der Arbeitszeit im Homeoffice, nicht dokumentierte Pausen oder das Durchscrollen sozialer Medien am Arbeitsplatz. Doch eine umgekehrte Perspektive rückt zunehmend in den Fokus – die Realität unbezahlter Mehrarbeit, die selbstverständlich in den Alltag vieler Beschäftigter integriert ist.
Die Instagram-Frage der Verdi-Jugend
Ein aktueller Beitrag der Verdi-Jugend auf Instagram stellt provokante Fragen, die viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer betreffen: „Hast du schonmal nur kurz nach Feierabend auf eine Mail geantwortet, in deiner Pause schnell was für die Arbeit erledigt, früher angefangen oder länger gemacht – ohne es aufzuschreiben, Arbeit und offene ToDos im Kopf gehabt, obwohl eigentlich frei war?“ Wer diese Fragen bejahen kann, dem sei laut der Jugendorganisation der Dienstleistungsgewerkschaft Arbeitszeitbetrug widerfahren. „Dir wurde Lebenszeit gestohlen, die dir gehört. Du hast gearbeitet, ohne dass es als Arbeit zählt“, betont die Verdi-Jugend.
Alarmierende Zahlen des DGB-Index
Wie verbreitet dieses Phänomen tatsächlich ist, zeigt der Index „Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) eindrucksvoll:
- 44 Prozent der Beschäftigten arbeiten länger als vertraglich vereinbart
- 25 Prozent müssen sogar mehr als 5 Stunden pro Woche zusätzlich arbeiten
- 23 Prozent sind sehr häufig oder oft in ihrer Freizeit für die Arbeit erreichbar
- 15 Prozent leisten regelmäßig unbezahlte Arbeit
Der Deutsche Gewerkschaftsbund schätzt, dass allein im Jahr 2023 in Deutschland rund 775 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet wurden. Diese immense Zahl entspricht ungefähr 486.700 Vollzeitstellen. Im Grunde arbeiten also fast eine halbe Million Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland, die es offiziell gar nicht gibt.
Besonders betroffene Berufsgruppen
Besonders stark von unbezahlter Mehrarbeit betroffen sind laut Gewerkschaftsangaben:
- Reinigungskräfte
- Beschäftigte in der Gastronomie
- Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Paketdiensten
Das Problem beginnt häufig bereits in der Berufsausbildung. Ein Drittel der befragten Auszubildenden leistet regelmäßig Überstunden, wobei 7,5 Prozent davon keinen Ausgleich erhalten. Besonders betroffen sind laut dem DGB-Ausbildungsreport Koch-Azubis, Automobilkaufleute und Bankkaufleute.
Gesundheitliche Risiken und rechtliche Aspekte
Wenn regelmäßig über die vertraglich vereinbarte Zeit hinaus gearbeitet wird und auch nach Feierabend die Gedanken um den Job kreisen, drohen ernsthafte gesundheitliche Folgen. Verdi zählt dazu:
- Schlafstörungen
- Depressionen
- Burnout-Syndrom
- Belastungen von Beziehungen, Familie und ehrenamtlichem Engagement
Verdi betont die Verantwortung der Unternehmen: „Der Arbeitgeber hat die gesetzliche Pflicht für eine Arbeitszeiterfassung zu sorgen und die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen.“ Dazu gehören eine angemessene Personalausstattung und eine entsprechende Unternehmenskultur.
Rechtlich können Beschäftigte gegen nicht vergütete Überstunden, Umgehung von Arbeitsgesetzen oder falsch erfasste Arbeitszeiten vorgehen. Relevant sind hierbei:
- Das Arbeitszeitgesetz
- Geltende Tarifverträge
- Der individuelle Arbeitsvertrag
„Beschäftigte können sich im Zweifel auch an ihre Betriebs- oder Personalräte wenden, wenn sie Unterstützung brauchen, Grenzen zu setzen“, rät Verdi. Meist handele es sich nicht um ein individuelles Problem, sondern um ein strukturelles, das systematische Lösungen erfordert.



