40 Jahre Tschernobyl: Die nicht endende Katastrophe
Tschernobyl: 40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe

Am 26. April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl das schwerste Unglück in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie. Die Weltöffentlichkeit erfuhr zunächst nur wenig über das Ausmaß der Katastrophe. Die Verunsicherung war groß, auch in Deutschland. Ein Rückblick auf die Ereignisse und ihre langfristigen Folgen.

Der Super-GAU und seine Ursachen

Das Atomkraftwerk Tschernobyl lag rund 100 Kilometer nördlich von Kyjiw auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. In Block 4 stieg die Reaktorleistung nach einem Sicherheitstest unkontrolliert an. Ursache waren Konstruktionsmängel und Bedienfehler durch die Betriebsmannschaft. Es kam zu einer folgenschweren Explosion, einem Super-GAU. Eine radioaktive Wolke zog über Europa bis nach Grönland und Nordafrika. Erster Regen wusch die belasteten Partikel aus der Luft und spülte sie auf den Boden. In den Tagen nach dem GAU fielen in Bayern, Baden-Württemberg und Teilen Brandenburgs teils heftige Schauer. Die Folgen sind bis heute messbar: In Bayern zeigen Wildschweine noch immer erhöhte Radioaktivitätswerte.

Verunsicherung in Deutschland

Zwei Wochen nach dem Unfall war Deutschland verunsichert. Es herrschte Angst vor radioaktivem Niederschlag. Gemüseernten wurden vernichtet, Spielplätze gesperrt. Die Menschen deckten sich mit Jodtabletten und Konserven ein. Straßenposten dekontaminierten Autos. Hans Jochen Vogel, Fraktionsvorsitzender der SPD, sagte in der Bundestagsdebatte am 14. Mai 1986: „Selbst wenn jetzt, was wir alle hoffen, keine akute Bedrohung mehr besteht: Wer weiß denn wirklich, welche Langzeitwirkungen die Caesium- und Strontium-Ausschüttungen tatsächlich im Laufe der Jahre haben werden?“

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Folgen für die Anti-Atomkraft-Bewegung

Der GAU von Tschernobyl gab der Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland einen enormen Aufschwung und führte zur Gründung des Bundesumweltministeriums. In der unmittelbaren Umgebung des Kraftwerks liefen derweil lebensgefährliche Aufräumarbeiten. In den Wochen und Monaten nach der Katastrophe waren mehr als 600.000 Menschen im Einsatz. Moskau wollte das Ausmaß des Unfalls vertuschen und die strahlenden Trümmer schnell unter Beton begraben. Im Minutentakt wurden die Arbeiter in der Strahlenzone ausgetauscht. Sie trugen einfachste Atemschutzmasken und Bleischürzen. Die gesundheitlichen Folgen dieser Arbeit werden zum Teil bis heute verschleiert. Experten sprechen von bis zu 125.000 Toten allein unter den sogenannten Liquidatoren, die einer extremen radioaktiven Strahlung ausgesetzt waren.

Sperrgebiete und gesundheitliche Auswirkungen

In der Region rund um das Atomkraftwerk entstanden Sperrgebiete. Die Stadt Prypjat wurde erst am zweiten Tag nach dem Super-GAU evakuiert – als viele Bewohner bereits Strahlung abbekommen hatten. In den Jahren nach dem Unfall gab es unter diesen Menschen einen massiven Anstieg von Schilddrüsenkrebs und anderen Krebsarten, Fehlbildungen bei Neugeborenen und eine generell erhöhte Sterblichkeit. Die Folgen der Reaktorkatastrophe werden noch lange spürbar bleiben.

Tschernobyl im Krieg

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 ist Tschernobyl mehrfach zum Kriegsschauplatz geworden. Es gibt Berichte über russische Drohnenangriffe auf die Hülle von Reaktorblock 4. Block 1 bis 3 liefen nach der Katastrophe von 1986 teilweise weiter. Das Kraftwerk blieb bis 2000 am Netz. Noch heute lagern hier große Mengen radioaktiven Materials.

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