Gertrud Piontek: 90-jährige Stadtführerin begeistert seit 35 Jahren Gäste in Waren an der Müritz
90-jährige Stadtführerin führt seit 35 Jahren durch Waren

Gertrud Piontek: Die lebende Chronik von Waren an der Müritz

Wer das Glück hat, mit Gertrud Piontek durch die Straßen von Waren zu spazieren, erlebt mehr als nur eine gewöhnliche Stadtführung. Die 90-jährige Rentnerin ist seit 35 Jahren als Stadtführerin aktiv und hat in dieser Zeit Generationen von Besuchern ihre Heimatstadt nähergebracht. Mit einem unerschöpflichen Fundus an Geschichten, Insider-Tipps und historischen Anekdoten verwandelt sie jeden Rundgang in ein lebendiges Geschichtsbuch.

Vom Vorruhestand zur gefragten Reiseleiterin

Ihre Karriere als Stadtführerin begann 1991, als Gertrud Piontek mit 56 Jahren in den Vorruhestand ging. "Ich wollte etwas anderes übernehmen", erinnert sich die gebürtige Parchimerin, die seit 1961 in Waren lebt. In der noch jungen Tourismusbranche nach der Wende wurde sie aufgrund ihrer beliebten Diavorträge in Klink als Reiseleiterin für Busgruppen angefragt – eine spontane Zusage, die ihr Leben nachhaltig verändern sollte.

Anfangs führte sie Gruppen vornehmlich aus den alten Bundesländern nach Schwerin, Rostock oder Rügen. "Für Waren hat sich damals noch niemand interessiert", berichtet Piontek. Autodidaktisch eignete sie sich umfangreiches Wissen über Geschichte, Adelshäuser und regionale Besonderheiten an, wobei ihr Zugang zu Fachliteratur zunächst begrenzt war. "Zum Glück bin ich Mecklenburgerin und wusste einiges von meinen Eltern und Großeltern".

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Herausforderungen und Wandlungen im Tourismus

Die Anfangsjahre waren nicht immer einfach. "Die hatten ihre Kenntnisse aus der Bild-Zeitung und dachten, wir sind hier alles rote Socken", beschreibt Piontek die Einstellung mancher Gäste aus den frühen 1990er Jahren. Einige Besucher seien mit Vorurteilen angereist und hätten nichts über die Region lernen wollen. Ihre psychologischen Kenntnisse aus dem früheren Beruf als Erzieherin halfen ihr, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Heute hat sich das Bild komplett gewandelt. "Das hat sich komplett gedreht, vor 15 Jahren schon. Heute sind die 25- bis 45-Jährigen bereit, auch andere Meinungen zu akzeptieren", stellt die Stadtführerin fest. Individualreisende, die sich gezielt ihren Führungen anschließen, seien besonders aufgeschlossen und wissbegierig.

Geheimtipps und besondere Momente

Schon auf den ersten Metern durch die Lange Straße zwischen Marktplatz und Müritzeum verrät Gertrud Piontek ihren Begleitern Details, die selbst manchen Einheimischen unbekannt sind:

  • 75 Prozent der Altstadthäuser bestehen aus Fachwerk
  • Ein Schachtdeckel mit Stadtwappen zeigt einen Stier, dessen Herkunft sie erklärt
  • Die Geschichte des zweigeteilten Waren und einer unsichtbaren Brücke
  • Ein Geheimtipp für heiße Sommertage: ein Brunnen mit kostenlosem Trinkwasser in der Rosenstraße

In traditioneller mecklenburgischer Tracht – mit senkrecht gestreiftem Rock, Blankmütze und besticktem Schultertuch – zieht sie die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich und beantwortet geduldig jede Frage.

Menschliche Begegnungen und bleibende Erinnerungen

Besondere Momente bleiben Gertrud Piontek besonders im Gedächtnis. Vor 25 Jahren half sie einer Touristin mit einer Verbrennung am Arm, indem sie ihr Aloe Vera als Hausmittel brachte. "Ich habe ihr dann die ganze Topfpflanze mitgegeben. Heute hat sie selbst schon 100 Leute mit solchen Pflanzen versorgt und erzählt die Geschichte immer wieder". Der Kontakt besteht bis heute.

Eine besondere Ehrung erhielt sie im Mai 2023, als ein Hamburger Gast nach einer Führung an die Touristeninfo schrieb: "Mein Hotel hieß Müritzperle, aber offen gestanden sind Sie das für mich". Er bezeichnete den Ausflug mit Piontek als "Höhepunkt seines dreitägigen Urlaubs in Waren" und lobte ihr "profundes Wissen in allen Bereichen" sowie die "humorvolle Vermittlung".

35 Jahre im Dienst der Stadt

Wie oft sie in all den Jahren mit Gruppen zwischen zwei und 200 Personen durch Waren gegangen ist, hat Gertrud Piontek nicht gezählt. "Im Sommer bis zu dreimal pro Woche". Die zurückgelegte Strecke hat sie jedoch grob überschlagen: "Bis zum Jahr 2021 war das von hier bis nach Paris" – stolze 1100 Kilometer.

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Das Ehrenamt habe sie fit gehalten, zusammen mit ihren "guten Genen" und weiteren Aktivitäten in der Rheumaliga, einer Seniorensportgruppe und als Plattdeutsch-Botschafterin. Mittlerweile tritt die 90-Jährige etwas kürzer und leitet vor allem Bustouren mit mehr Fahr- und weniger Gehstrecken. "Die Beine wollen nicht mehr so". Ausnahmen mache sie aber gerne – wer mit ihr durch das Heilbad flanieren möchte, kann bei der Touristeninformation nachfragen.

Stadtführungen in Waren: Ein vielfältiges Angebot

Insgesamt sind in Waren derzeit 22 Stadtführer im Auftrag der städtischen Touristeninformation aktiv. Das ganze Jahr über werden verschiedene Führungen angeboten:

  1. Historische Stadtführung: Ab 11 Uhr entdecken Teilnehmer die schönsten Plätze, bummeln durch Gässchen und werfen Blicke in Innenhöfe und Kirchenschiffe. Themen sind die Wandlung des Stadthafens, die Geschichte der Apotheke und die verschiedenen Rathäuser.
  2. Abendliche Stadtführung: Mit Laternen begleiten Stadtführer ihre Gäste durch den historischen Stadtkern bis zum Stadthafen. Dabei erfahren Teilnehmer Wissenswertes zu Sehenswürdigkeiten und Stadtgeschichte – eigene Lichter dürfen mitgebracht werden.

Gertrud Piontek bleibt mit ihrer 35-jährigen Erfahrung eine der wertvollsten "Müritzperlen" – eine lebendige Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Besuchern nicht nur Fakten, sondern auch das Herz der Stadt näherbringt.