Schaumschlagen als Karrierebeschleuniger: Warum Blender in Führungsetagen aufsteigen
Schaumschlagen: Warum Blender in Führungsetagen aufsteigen

Schaumschlagen als Karrierebeschleuniger: Warum Blender in Führungsetagen aufsteigen

Eine Kolumne von Heiner Thorborg. Nichts sein, aber alles vorgaukeln – das ist das Erfolgsrezept der Nichtskönner in den Vorstandsetagen. Noch größer als ihr aufgeblasenes Ego ist einzig das Debakel, das sie anrichten. Es stellt sich die Frage, warum man ihnen so häufig auf den Leim geht und welche Mechanismen diesen Aufstieg ermöglichen.

Das Phänomen der leeren Versprechungen

Der irische Dichter W.B. Yeats schrieb einst: „The best lack all conviction, while the worst are full of passionate intensity“ – auf Deutsch: Den Besten fehlt jede Überzeugung, während die Schlimmsten voller leidenschaftlicher Intensität sind. Diese Beobachtung aus dem Jahr 1919 erklärt, warum viele fähige Menschen von Selbstzweifeln gelähmt werden, während Inkompetente vehement so tun, als hätten sie alle Antworten. In der Folge schaffen sie es in den Chefsessel: Sie besitzen kein Talent, aber eine große Klappe – und am Ende erlangen sie beträchtliche Macht.

In der Politik ist dieses Phänomen seit Langem zu beobachten, in der Geschäftswelt nimmt es derzeit deutlich zu. Zwar passiert es bei Vorstandsbesetzungen nicht so häufig wie in politischen Parteien, dass sich Blender durchsetzen. Doch wenn es geschieht, ist der Schaden oft gewaltig und kann Unternehmen in existenzielle Krisen stürzen.

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Historische Beispiele aus der Wirtschaft

Der Kauf von Chrysler durch Daimler unter Jürgen Schrempp – einst als „Hochzeit im Himmel“ gepriesen – endete als „Ehe aus der Hölle“ und kostete mehr als 25 Milliarden Dollar. Die Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto durch Bayer unter Werner Baumann führte zu einer gigantischen Kapitalvernichtung, die bis heute weiteres Geld frisst.

Nicht zu vergessen sind die beiden größten Wirtschaftsskandale der jüngeren Vergangenheit, die Milliarden verbrannt haben: das Dieseldebakel von Volkswagen unter Martin Winterkorn und der Bilanzbetrug von Wirecard unter Markus Braun. Diese Beispiele stammen alle aus dem deutschen Leitindex Dax und zeigen, wie verheerend die Folgen sein können, wenn inkompetente Führungskräfte das Ruder übernehmen.

Die Psychologie hinter dem Erfolg der Blender

Rätselhaft ist nicht, was die Maulhelden und Angeber antreibt. Viele Menschen finden es verlockend, andere herumzukommandieren und dafür exzellent bezahlt zu werden. Zumal Minderleister im Vorstandsrang bei ihrem Abgang oft mit einer gewaltigen Abfindung rechnen dürfen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Warum kommen diese Schattenboxer mit ihrer Inszenierung überhaupt durch?

Irgendjemand fördert und befördert diese unbegabten Personen weit über den Punkt ihrer maximalen Leistungsfähigkeit hinaus. Dann setzt eine Spirale der Ego-Eskalation ein: Wenn Blender keiner frühzeitig stoppt, beginnen sie, ihre eigene Public Relations zu glauben. Dies verleiht ihnen das Selbstbewusstsein und die Kraft, andere zu überzeugen. Ihre Ausstrahlung des Erfolgs verhilft ihnen zum nächsten Job – und irgendwann stellt niemand mehr die tatsächliche Leistung dieser Person infrage. Wer bereits fünf vermeintlich tolle Positionen innehatte, muss es doch können! Oder etwa nicht?

Schein trügt: Warum wir auf Scharlatane hereinfallen

Warum ansonsten intellektuell begabte Menschen willig auf Scharlatane hereinfallen, hat schon Niccolò Machiavelli beschäftigt, der berühmteste Analytiker der Macht. Er argumentiert, die Masse der Menschen lasse sich eher durch Schein als durch Wirklichkeit beeindrucken. Eine Führungskraft muss daher nicht unbedingt gute Eigenschaften besitzen, aber es ist zwingend erforderlich, dass sie nach außen tugendhaft, integer und intelligent wirkt.

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Hinzu kommt, dass einfache Thesen und Lösungsvorschläge häufig besser ankommen als komplexe Analysen, weil viele Menschen es im Leben gern gut verdaulich haben. Wie angenehm ist es, einen schwierigen Sachverhalt an jemanden zu delegieren, der voller Leidenschaft beteuert, die Verantwortung übernehmen zu wollen und alles im Griff zu haben. Zudem vertrauen Menschen gern Personen, die ihnen ähneln – wer komplexe Sachverhalte anstrengend findet, fühlt sich mit klugen Analytikern unwohl. Diese gelten dann schnell als unnahbar und schwierig. Wer eher ein Macher ist, findet abwägende Introvertierte zu langsam und zu langweilig.

Auf der Suche nach echter Substanz

In der Folge setzen sich nicht unbedingt die Klugen durch, sondern diejenigen, die am überzeugendsten so tun, als hätten sie alle Antworten. Das Publikum glaubt ihnen willig, weil die scheinbar charismatische Führungskraft zumindest vordergründig den richtigen Lebenslauf und die passende Ausstrahlung besitzt. Machiavelli schreibt: „Jeder sieht, was du scheinst, nur wenige fühlen, wie du bist.“

Im Unternehmen liegt die Verantwortung für Vorstandsbesetzungen beim Aufsichtsrat und seinem Besetzungsausschuss. Offenbar prüfen die Herren und Damen dort die Referenzen der Kandidaten nicht immer so gründlich, wie es nötig wäre. Oder sie sprechen nur mit dem Personalvorstand des früheren Arbeitgebers, der häufig froh ist, die entsprechende Person ohne weiteren Aufruhr losgeworden zu sein.

Manchmal wäre es besser, mit den ehemaligen Untergebenen zu reden – beispielsweise mit Ex-Assistenten oder mit den Mitarbeitern, die beim alten Konzern an der Rezeption sitzen oder in der Vorstandskantine bedienen. Wer seinen Autoschlüssel auf den Tresen knallt, damit irgendwelche „Unterlinge“ das Fahrzeug parken, Servicepersonal schikaniert, nur im Kommandoton kommuniziert, ständig Streit mit Kollegen oder Untergebenen sucht, ist keine Führungspersönlichkeit. Sondern ein unreifer Clown, der lediglich Chef spielt.

Irgendwann fällt dies auf – am besten allerdings, bevor ein Unternehmen so jemanden einstellt und nach ein paar Monaten oder erheblichen Schäden wieder entlassen muss. Es ist an der Zeit, dass Aufsichtsräte und Personalverantwortliche genauer hinschauen und echte Kompetenz vor leere Versprechungen stellen.