Anklamer im Dunkeln: Strom trotz pünktlicher Zahlungen abgestellt
Ein Leben ohne elektrischen Strom stellt in der heutigen Zeit eine immense Herausforderung dar. Es geht längst nicht mehr nur um Beleuchtung, Kochen oder Unterhaltung. Das Internet ist zur kritischen Infrastruktur geworden, über die Bankgeschäfte, Einkäufe, Vertragsabschlüsse und soziale Kontakte abgewickelt werden. Genau diese Abhängigkeit musste nun ein Bewohner von Anklam schmerzlich erfahren, als ihm ohne eigenes Verschulden der Strom abgestellt wurde.
Versorger bestätigt: Kunde war seit Monaten woanders
Der betroffene Anklamer berichtete dem Nordkurier, dass die Energie Vorpommern GmbH ihm ohne Vorwarnung den Strom sperrte, obwohl er stets pünktlich seine Abschläge gezahlt hatte und nie in Zahlungsverzug geraten war. Auf Nachfrage erklärte der in Wolgast ansässige Energieversorger jedoch eine überraschende Tatsache: Der Mann sei seit längerer Zeit gar kein Kunde mehr bei ihnen, sondern habe stattdessen einen Vertrag mit Eon abgeschlossen.
Ein Unternehmenssprecher von Eon bestätigte, dass der Anklamer bereits seit mehreren Monaten durchgehend von Eon mit Strom beliefert wurde. Dies sei im Rahmen der sogenannten Grundsicherung geschehen, da kein anderer Lieferant beim zuständigen Netzbetreiber die Belieferung angemeldet habe. Zwar habe der Anklamer mehrfach mitgeteilt, dass er von einem anderen Versorger beliefert werde, doch interne Prüfungen und Rücksprachen mit dem Netzbetreiber hätten dies als „nicht korrekt“ erwiesen.
Die Sperrung des Stromzählers erfolgte, weil „die Kosten für den angefallenen Energieverbrauch über einen längeren Zeitraum nicht beglichen wurden“. Bis eine solche Sperrung angekündigt und tatsächlich durchgeführt wird, vergehe in der Regel ein mehrwöchiger Prozess, so der Sprecher.
Automatisierungsfehler führte zu falschen Abbuchungen
Tatsächlich hatte der Anklamer in den vergangenen Monaten zahlreiche Schreiben von Eon erhalten, darunter Inkassoankündigungen und Sperrandrohungen. Zunächst beantwortete er diese Korrespondenz noch selbst, übergab die Angelegenheit dann aber einem Anwalt. All dies geschah in der festen Überzeugung, weiterhin Kunde bei Energie Vorpommern zu sein – schließlich wurden von diesem Anbieter auch weiterhin regelmäßig Abschläge von seinem Konto abgebucht.
Den gelieferten Strom doppelt zu bezahlen, lehnte der Mann konsequent ab. Auf erneute Nachfrage des Nordkurier bei Energie Vorpommern kam nun die entscheidende Erklärung: Es habe „Fehler mit den Abbuchungen“ gegeben. Im Zuge der Automatisierung von Lieferantenwechseln und bei dem hohen Digitalisierungsgrad in der Massendatenverarbeitung würden solche Vorgänge vollautomatisiert maschinell verarbeitet.
„Offensichtlich haben die Prüfroutinen diesen fehlerhaften Vorgang nicht erkannt. Wir nehmen dieses Beispiel zum Anlass, die Prüfroutinen und Automatismen auf etwaige Optimierungspotenziale beziehungsweise Fehlerquellen zu untersuchen, damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt“, versicherte der Energieversorger. Der Unmut des betroffenen Anklamers sei daher vollkommen verständlich. Die kurzfristige Rückzahlung der fehlerhaft eingezogenen Beträge sei bereits veranlasst worden.
Wie wurde der Anklamer ungewollt Eon-Kunde?
Die zentrale Frage, wie der Anklamer überhaupt zum „Kunden“ bei Eon wurde und damit das ganze Debakel seinen Anfang nahm, kann weder von Energie Vorpommern noch von Eon abschließend beantwortet werden. Der Betroffene selbst beteuert, nie persönlichen Kontakt zu einem Eon-Mitarbeiter gehabt und auch nichts unterschrieben zu haben.
Allerdings häufen sich in der Region offenbar Fälle, in denen Stromkunden neue Verträge auf betrügerische Weise untergeschoben werden. Oft geben sich dabei Personen als Mitarbeiter von Energieversorgern aus, täuschen vor, den Zählerstand ablesen zu wollen, und fordern dann eine Unterschrift zur Bestätigung ein – womit bereits ungewollt ein neuer Vertrag zustande kommen kann.
Ein solcher Fall ereignete sich nach Angaben der Polizei bereits Anfang des Jahres in Eggesin. Auch in Pasewalk wurden vermeintliche Vertreter eines Stromanbieters beobachtet, wie sie von Aufgang zu Aufgang in Mehrfamilienhäusern gingen. Gerade Gebäude mit frei zugänglichen Stromzählern und entsprechenden Zählernummern seien besonders attraktiv für unseriöse Vertragsabschlüsse.
Die Polizei rät Verbrauchern daher dringend:
- Post von einem neuen Stromanbieter stets aufmerksam zu lesen
- Einen unerwünschten neuen Vertrag möglichst innerhalb von 14 Tagen zu kündigen
- Bei verdächtigen Personen, die als Versorgungsmitarbeiter auftreten, besondere Vorsicht walten zu lassen
Dieser Vorfall in Anklam zeigt deutlich, wie anfällig automatisierte Prozesse in der Energieversorgung für Fehler sein können und welche gravierenden Folgen dies für Verbraucher haben kann.



