Vom Spitzenforscher zum Bildungsförderer: Ein 80-Jähriger revolutioniert die MINT-Bildung in Mecklenburg-Vorpommern
Im Rostocker Schülerforschungslabor des Vereins MikroMint herrscht konzentrierte Stille, unterbrochen nur vom leisen Surren von Mikroskopen und dem Klicken von Lötkolben. Hier, in den Räumen der Christophorusschule, verbringt der 80-jährige Dieter Weiss seine Tage – nicht als pensionierter Spitzenforscher im Ruhestand, sondern als leidenschaftlicher Bildungsförderer, der Hunderttausende Euro in die naturwissenschaftliche Frühbildung investiert hat.
Von der Neurochip-Technologie zur Schülerförderung
Prof. Dr. Dieter Weiss ist kein Unbekannter in der wissenschaftlichen Welt. Als Mitgründer des international führenden Warnemünder Forschungsunternehmens NeuroProof leitete er millionenschwere Forschungsprojekte in Rostock, Neapel, den USA und München. Seine Arbeit trug wesentlich zur Entwicklung von Videomikroskopie und Neurochip-Technologie bei – Errungenschaften, die ihn eigentlich zum Ruhestand berechtigen würden. Stattdessen tauschte er das „künstliche Gehirn“ gegen Warzentropfen und widmet sich seither voller Hingabe der nächsten Generation von Forschern.
„Man kann nur schützen, was man kennt“, sagt Weiss mit ruhiger, bestimmter Stimme. Diese Überzeugung treibt ihn an. 1996 gründete er zunächst das gemeinnützige Institut für Zelltechnologie, aus dem 2017 gemeinsam mit engagierten Mitstreitern das MikroMint Schülerforschungszentrum Rostock hervorging. Was als kleines Labor in Gelbensande begann, entwickelte sich innerhalb eines Jahrzehnts zu einer der größten Schülerforschungsinitiativen Mecklenburg-Vorpommerns.
Eine wachsende Bildungsbewegung mit konkreter Wirkung
Heute betreibt MikroMint Standorte in Rostock, Sanitz, Ribnitz-Damgarten und Stralsund, mit geplanten Erweiterungen in Wismar und Neubrandenburg. Rund 300 Schüler nehmen wöchentlich an den vielfältigen Angeboten teil – eine Zahl, die stetig wächst. Die Initiative deckt ein breites Spektrum ab: von der Insektenbestimmung und Pflanzenkunde für die Jüngeren bis hin zu Robotik, Programmierung und komplexen chemischen Experimenten für die Fortgeschrittenen.
Weiss, der im vergangenen Jahr den Vereinsvorsitz an seinen Nachfolger Thomas Borowitz übergab, bleibt der treibende Motor hinter der Initiative. „Viele Schulen verfügten nicht über Geräte oder Personal für vertiefende Projekte“, erklärt er pragmatisch, „also bringen wir beides mit.“ Ein Großteil der Laborausstattung – darunter eine Reihe ehemaliger High-End-Mikroskope – stammt aus seinem eigenen Bestand und Spenden an den Verein. Der materielle Wert dieser Ausrüstung bewegt sich im hohen sechsstelligen Bereich.
Die Magie des polarisierten Lichts und die Kunst der Wissenschaft
Im Labor demonstriert Weiss die Verbindung von Wissenschaft und Ästhetik. Vor einem professionellen Mikroskop träufelt er eine farblose Flüssigkeit auf einen Objektträger. „Das ist Salicylsäure mit Milchsäure in Alkohol aufgelöst“, erklärt er während er die Objektive einstellt – einfache Warzentropfen also. Doch unter polarisiertem Licht verwandeln sich die kristallisierenden Inhaltsstoffe in ein faszinierendes Farbenspiel, das an abstrakte Gemälde oder außerirdisches Leben erinnert.
„Die Kinder sehen die Ergebnisse der Arbeit nicht nur wissenschaftlich, sondern auch künstlerisch“, sagt Weiss mit einem Lächeln. An den Wänden hängen Bilder geschmolzenen Koffeins, Glutamats und Schmerzmitteln – allesamt unter dem Mikroskop entstanden und regelmäßig bei Wissenschafts- und Fotowettbewerben eingereicht. Diese visuelle Dimension ist ihm wichtig, denn sie spricht unterschiedliche kindliche Interessen an.
Vom Lötkolben zur Live-Schalte in die Antarktis
Im Nebenraum herrscht eine andere Atmosphäre. Hier stapeln sich technische Komponenten, Roboterteile und eine kleine Arena für Roboterwettkämpfe. Der zehnjährige Iago lötet konzentriert an einer Platine, angeleitet von einem Ehrenamtlichen der Firma Liebherr. Ein paar Meter weiter programmiert der gleichaltrige Oskar an seinem eigenen Webbrowser.
Die Bandbreite der Angebote ist beeindruckend: Während einige Schüler per Live-Schalte mit einem Eisbrecher in der Antarktis verbunden werden und leuchtende Fische entdecken, bestimmen andere Insekten mit Hilfe moderner Apps wie PlantNet oder Flora Incognita. „Früher war ich fast der Einzige, der wusste, welches Insekt da vor einem lag“, erinnert sich Weiss lachend. „Heute gibt es zahlreiche digitale Hilfsmittel. Es ist wichtig, dass man immer nutzt, was einem an Werkzeugen zur Verfügung steht.“
Bildung als aktive Tätigkeit und persönliche Veränderung
Weiss' Engagement erscheint als bildungspolitische Haltung in praktischer Umsetzung: Fehlen Geräte, beschafft er sie; fehlt Personal, bildet er aus und akquiriert Ehrenamtliche; werden komplexe Themen wie Klimawandel und Artensterben zu abstrakten Begriffen, liefert er die konkreten Prozesse dahinter. „Wer eine Blattader verfolgt, eine Schabe bestimmt, einen Taktgeber lötet oder ein Programm debuggt, erfährt, dass Wissen eine Tätigkeit ist“, betont er.
Seine Motivation? „Es geht um die Begeisterung, ums Staunen. Darum, den Kindern zu zeigen, dass Wissenschaft kein abstraktes Buch mit sieben Siegeln ist.“ Wenn Weiss über die nächsten Schritte spricht – neue Standorte, zusätzliche Kurse, erweiterte Kooperationen –, bleibt er sachlich. Das große Pathos überlässt er anderen.
Das Staunen als Anfang und Ziel
Warum engagiert sich ein 80-Jähriger mit dieser Intensität? Weiss wirkt dabei nicht wie ein Mahner oder belehrender Erklärbär, sondern wie ein bescheidener Ermöglicher. Er nimmt die Kinder ernst, ihre Fragen, ihre Zeit. Vielleicht ist dies die eigentliche Botschaft von MikroMint: Möglichkeiten schaffen, wo sie fehlen.
„Wir sehen, dass die Kinder mit einer neuen Perspektive gehen“, resümiert Weiss. „Bildung ist Veränderung – und wir geben ihnen die Chance, Teil davon zu sein.“ Das Staunen sei dabei oft der Anfang. „Und manchmal“, fügt er nachdenklich hinzu, „ist es auch das Ziel.“ In den erhellten Gesichtern der jungen Tüftler, die plötzlich verstehen, wie etwas funktioniert, findet seine Lebensarbeit ihre schönste Bestätigung.



