Gewaltvorwürfe an Pritzwalker Grundschule sorgen für kontroverse Debatte
An der Herbert-Quandt-Grundschule in Pritzwalk schlagen seit Wochen Berichte über Gewaltvorfälle unter Viertklässlern hohe Wellen. Während mehrere Eltern von regelmäßigen Prügeleien, Würgeattacken und sogar Diebstählen im benachbarten Supermarkt berichten, sehen Schule, Polizei und Behörden die Situation deutlich weniger dramatisch.
Eltern kritisieren mangelnde Transparenz und Lärmatmosphäre
Betroffene Eltern schilderten in der Pritzwalker Stadtverordnetenversammlung eine permanente Lärmatmosphäre im Unterricht und bemängelten, dass die Schulleitung zu langsam und intransparent auf die Vorfälle reagiere. Besonders kritisiert wurde, dass eine Elternversammlung mit Polizei und Hort ohne die unmittelbar betroffenen Eltern stattgefunden habe. Die Vorfälle liegen teilweise mehrere Monate zurück, sorgen aber bis heute für erhebliche Aufregung im Schulalltag.
Schule und Behörden sehen keine akute Gefährdung
Aus der Quandt-Schule selbst ist zu vernehmen, dass die Lage nicht so dramatisch sei wie von Eltern dargestellt. „Sonst würde es hier bereits Entlassungen oder Versetzungen gegeben haben“, heißt es aus Schulkreisen. Man verstehe sich als „sehr offene Schule“ und habe bereits am Tag nach der Stadtverordnetenversammlung Abgeordnete empfangen, um die Situation zu erläutern.
Das Bildungsministerium in Potsdam bestätigte unserer Redaktion, dass inzwischen mehrere Maßnahmen umgesetzt wurden: von Veränderungen zur Vermeidung von Gedränge am Gebäudeeingang über „goldene Verhaltensregeln“ und Klassenräte bis hin zu Sozialkompetenztraining und enger Zusammenarbeit mit der Gewaltpräventionsstelle der Polizei.
Konkrete Maßnahmen in der betroffenen Klasse
Speziell in der betroffenen Klasse habe es zahlreiche Interventionen gegeben:
- Mehrere Klassenkonferenzen und intensive Elterngespräche
- Regelmäßige Hospitationen der Schulleiterin im Unterricht
- Aktive Unterstützung durch die Polizei in Präventionsfragen
- Aussprache von mehreren Androhungen und Verweisen
- Ein dreitägiger Unterrichtsausschluss für ein Kind
- Zwei zusätzliche Lehrerwochenstunden durch das Schulamt
Polizei und Jugendamt sehen keine besonderen Auffälligkeiten
Die zuständige Polizeidirektion Nord betont, man sehe „kein besonderes Brennpunkt-Phänomen“ an der Quandt-Schule. Zwar ermittle die Polizei wegen einer Anzeige aus dem November vergangenen Jahres, doch gebe es „keine auffällige Steigerung der Straftaten an dieser Schule“.
Der Landkreis Prignitz erklärte ebenfalls, ihm seien an der Quandt-Grundschule „keine kindesgefährdenden Zustände“ bekannt. Dem Kreisjugenddienst lägen bislang weder Anzeigen noch zusätzliche Hinweise zu gravierenden Vorfällen vor.
Debatte fällt in Zeit sinkender Gewaltzahlen an Brandenburger Schulen
Die Diskussion in Pritzwalk findet paradoxerweise in einer Zeit statt, in der Gewalt an Brandenburger Schulen insgesamt zurückgeht. Laut aktueller Polizeistatistik für 2025 sank die Zahl der Opferdelikte an Schulen landesweit auf 1.531 Fälle – 52 weniger als im Vorjahr. Dennoch bewegen sich die Zahlen weiterhin auf hohem Niveau, wobei jedes zehnte Opfer eine Lehrkraft ist.
Stadtverordneter und Lehrer fordern mehr Disziplin
Der Pritzwalker Stadtverordnete Siegbert Winter (SPD) betont, dass Herkunft oder Nationalität keine besondere Rolle spielten: „Es sind Migrantenkinder und auch deutsche Kinder, die Probleme bereiteten.“ Er bietet an, Schüler frühzeitig bei seiner Arbeit als Elektromeister zu begleiten, „damit sie sehen, wie das normale Leben aussieht“.
Ein Lehrer mit jahrzehntelanger Erfahrung an Prignitzer Schulen unterstützt diese Position und wünscht sich eine „autoritärere“ Atmosphäre. Er sieht die hohe Anzahl von Quereinsteigern und jungen Lehrerinnen als problematisch an, da diese oft zu unsicher seien oder sich nicht trauten, konsequent einzugreifen.
Langfristige Lösungen gefragt
Die Debatte in Pritzwalk wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie können Schulen, Eltern, Jugendhilfe, Polizei und Politik gemeinsam dafür sorgen, dass Kinder sicher lernen können? Wie verhindert man, dass einige wenige „Problemkinder“ die Lernmöglichkeiten und damit langfristig die Lebenschancen aller anderen beeinträchtigen?
Für das kommende Schuljahr 2026/27 ist ein weiteres soziales Kompetenztraining geplant, das allerdings unabhängig von den aktuellen Diskussionen bereits vorbereitet wurde. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Beteiligten zeigen, dass bei Gewaltvorwürfen an Schulen oft eine große Kluft zwischen subjektivem Erleben und offizieller Einschätzung klafft.



