Judika-Rede am Lilienthal-Gymnasium: Schülerin fordert Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheit
Judika-Rede: Schülerin fordert Akzeptanz der Unvollkommenheit

Traditionelle Judika-Feier mit zeitgemäßer Botschaft

Am Lilienthal-Gymnasium in Anklam fand die jährliche Judika-Feier statt, bei der Schülerin Lena Trebbow aus Buggow die traditionelle Rede hielt. Ihr Thema: 'Perfektionismus - Ein von Menschen gemachtes Produkt'. Die Veranstaltung erinnert an Ereignisse aus dem Jahr 1713, als die Stadt Anklam knapp einer vollständigen Zerstörung entging.

Von unbeschwerter Kindheit zum Leistungsdruck

Lena Trebbow begann ihre Rede mit einem Rückblick in die Kindheit. 'Schließt die Augen', forderte sie die voll besetzte Aula auf und erinnerte an Zeiten, in denen es noch egal war, ob Kleidungsstücke zusammenpassten oder ob man verschiedene Socken trug. 'Wann haben wir aufgehört, wir zu sein?', fragte die Schülerin und thematisierte den Übergang zur Jugend, in der Perfektionsstreben zum ständigen Begleiter wird.

Der Druck komme sowohl von der Gesellschaft als auch von den Jugendlichen selbst. Es gehe längst nicht mehr nur um schulische Leistungen, sondern um vielfältige Erwartungen:

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Gefahren des permanenten Optimierungszwangs

Zwar könne das Streben nach Verbesserung durchaus motivierend wirken, räumte Trebbow ein. Doch der permanente Leistungsdruck berge ernste Risiken für die psychische und physische Gesundheit junger Menschen. Burn-out, Essstörungen und Depressionen seien unter Jugendlichen keine Seltenheit mehr. Auch Schönheitsoperationen nähmen zu.

'Wir sollten aufhören, uns zu vergleichen', mahnte die Rednerin. Der Jagd nach Schönheitsidealen erteilte sie eine klare Absage, da entsprechende Vorbilder durch technische Nachbearbeitung oft nicht der Realität entsprächen. Selbst die Perfektionierung eigener Fotos könne später einmal die nächste Generation unter Druck setzen.

Ein Appell für mehr Selbstakzeptanz

Die Lösung liegt für Lena Trebbow in einer bewussten Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheit. Kleine Makel und Fehler seien nicht nur erlaubt, sondern machten jeden Menschen einzigartig. Das Streben nach Vollkommenheit dürfe nicht zum Lebenssinn werden, sondern solle im Rahmen bleiben.

Ihre Rede schloss die Schülerin mit einem einfachen, aber kraftvollen Aufruf an ihre Mitschüler: 'Seid perfekt unperfekt!' Die Aula reagierte mit stürmischem Applaus auf diese Botschaft.

Tradition mit moderner Anpassung

Traditionell erhält die Judika-Rednerin nach ihrem Vortrag eine Belohnung. Bis vor zwei Jahren waren dies sogenannte Morgan-Dollars, die von einem ehemaligen Redner gestiftet worden waren. Da diese Münzen mittlerweile aufgebraucht sind, überreichte Dirk Wenzel von der Volksbank Vorpommern Lena Trebbow eine spezielle Judika-Medaille.

Die Judika-Feier blickt auf eine lange Geschichte zurück. Seit 1715 – mit drei Unterbrechungen bis zum Zweiten Weltkrieg und einer Wiederbelebung 1992 – hält jährlich ein Schüler am Freitag vor dem Judika-Sonntag eine Rede 'Gott zum Lobe'. Ursprünglich wurde diese Tradition eingeführt, nachdem Anklam 1713 nur knapp einer Brandkatastrophe entgangen war.

Die diesjährige Veranstaltung zeigte, wie eine jahrhundertealte Tradition mit aktuellen gesellschaftlichen Themen verbunden werden kann. Lena Trebbows Rede traf den Nerv einer Generation, die zwischen Selbstoptimierung und psychischer Gesundheit balanciert.

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