Antisemitismus an NS-Gedenkstätten: Zahl der Vorfälle verdoppelt sich fast
Die Zahl antisemitischer Vorfälle an deutschen NS-Gedenkstätten bleibt erschreckend hoch und steigt weiter an. Im Jahr 2024 wurden laut dem Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) insgesamt 211 antisemitisch motivierte Vorfälle registriert. Das sind fast doppelt so viele wie im Vorjahr 2023. Am heutigen Mittwoch veröffentlicht der Verband eine Broschüre zu diesem Thema und dem Umgang damit.
Israelbezogene Angriffe und Holocaust-Leugnung nehmen zu
Fast jeder zweite dokumentierte Vorfall hat einen israelbezogenen Hintergrund. In Gästebüchern finden sich immer wieder Einträge, in denen das Handeln Israels mit den Verbrechen der Nazis gleichgesetzt wird. Nach Angaben des Verbands hat sich die Lage seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gazakrieg weiter verschärft.
Zu den dokumentierten Vorfällen zählen Störungen von Führungen, Bedrohungen von Personal, Beschädigungen, Schmierereien und antisemitische Aufkleber. Häufig stammen die Täter aus dem rechtsextremen Spektrum. Zugleich wird zunehmend auch ein „links antiimperialistischer und antiisraelischer Hintergrund“ beobachtet.
Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Regionen
Die Auswertung zeigt, dass vor allem in ländlichen Gegenden eher allgemeine, teils rechtsextreme Formen der „Erinnerungsabwehr“ auftreten. Damit ist der Wunsch gemeint, die NS-Verbrechen aus der Erinnerung zu verdrängen. In städtischen Regionen sind dagegen verstärkt Vorfälle zu beobachten, die sich auf Israel beziehen – wenn etwa Juden für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden.
Gedenkstätten-Mitarbeiter müssen sich laut Rias immer öfter mit geschichtsrevisionistischen Argumenten von Jugendlichen auseinandersetzen – also mit Versuchen, historische Erkenntnisse etwa über den Holocaust umzudeuten oder zu leugnen. Ein Gedenkstättenbesuch wurde von Lehrern sogar abgesagt, aus Sorge, dass Jugendliche sich dort nicht angemessen verhalten oder das Programm boykottieren könnten.
Psychischer Druck auf das Gedenkstättenpersonal
Deborah Hartmann (41), Leiterin des Hauses der Wannsee-Konferenz, bestätigt diese Entwicklungen. Die Berliner Gedenk- und Bildungsstätte beschäftigt sich seit dem 7. Oktober 2023 und der folgenden Welle antisemitischer Übergriffe verstärkt „mit der antisemitismuskritischen Reflexion unserer Bildungsangebote“. Das betrifft nicht nur Ausstellungen, sondern auch Publikationen und den Sprachgebrauch in Führungen. Dafür brauche es jedoch mehr finanzielle Mittel.
Zu diesem Fazit kommt auch Rias: Das Gedenkstättenpersonal benötigt vermehrt Fort- und Weiterbildungen, was wiederum Zeit und Geld beansprucht, die beide eigentlich für die inhaltliche Arbeit eingeplant sind. „Diese zusätzlichen Belastungen bleiben nicht folgenlos – der psychische Druck auf freie Guides und pädagogische Mitarbeitende nimmt zu.“
Gedenkstättenbesuche dürften nicht als „Allheilmittel“ verstanden werden, heißt es in der Broschüre. Trotzdem könne dort natürlich auch Raum sein für kritische Fragen.



