Demo-Anschlag in München: Unfallgutachter entlastet Angeklagten nicht
Am achten Verhandlungstag im Prozess um den tödlichen Demo-Anschlag in München hat der Unfallgutachter vor Gericht ausgesagt. Seine Untersuchungen schließen einen technischen Fehler an dem verwendeten Mini Cooper definitiv aus. Damit kann sich der 25-jährige Angeklagte Farhad N. nicht auf einen Defekt seines Fahrzeugs berufen.
Genaue Rekonstruktion der Tat
Der Sachverständige rekonstruierte anhand von Videoaufnahmen und Fotos den genauen Hergang. Demnach nutzte der Fahrer eine nur zwei Meter breite Lücke zwischen zwei Polizeifahrzeugen, um seinen 1,90 Meter breiten Mini in die Menschenmenge zu lenken. Zum Zeitpunkt des Aufpralls auf die 37-jährige Mutter und ihre zweijährige Tochter bewegte sich das Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit zwischen 34 und 42 km/h.
Die Mutter wurde durch die Wucht des Aufpralls etwa zehn Meter durch die Luft geschleudert. Beide Opfer erlagen kurz darauf ihren schweren Verletzungen. Die von Zeugen beschriebenen Vollgasgeräusche, obwohl sich die Räder nicht weiterdrehten, erklärt der Gutachter mit einer durchgetretenen Kupplung oder einem herausgesprungenen Gang aufgrund der Kollisionen.
Emotionale Zeugenaussagen am siebten Verhandlungstag
Bereits am Vortag hatte die Spurensicherung die emotionale Belastung aller Beteiligten deutlich gemacht. Eine 50-jährige Polizeibeamtin schilderte minutiös die Fundstücke am Tatort in der Seidlstraße. Handschuhe unter dem Scheibenwischer, ein pinkfarbener Schnuller auf der Motorhaube, zerbrochene Brillen und Verdi-Fahnen zeugten von der Gewalt des Geschehens.
Besonders beklemmend wurde die Atmosphäre im Gerichtssaal, als die Ermittlerin den zerstörten Kinderwagen der getöteten Zweijährigen beschrieb. Sie sprach von einer "Schneise der Verwüstung", die der Mini Cooper auf 23 Metern Länge hinterlassen habe. Noch bei ihrer Ankunft herrschte Chaos – die Straße gleicht einem Trümmerfeld aus Autoteilen und persönlichen Gegenständen der Demonstranten.
Erste Anzeichen von Reue beim Angeklagten
Bereits am sechsten Verhandlungstag hatten mehrere Polizeibeamte von ersten Anzeichen des Bedauerns beim Festgenommenen berichtet. Kurz nach seiner Festnahme soll Farhad N. gesagt haben: "Ich habe in meinem Leben nur einen großen Fehler gemacht und das war gerade eben."
Die Polizisten schilderten auch die angespannte Situation nach der Tat. Ein Demonstrant stach mit einer Fahnenstange auf die Windschutzscheibe ein, die Stimmung schlug von Panik in Wut um. Der Angeklagte rief laut Zeugen "in Dauerschleife" "Ya Allah", weshalb man ihn in eine Unterführung brachte.
Ein besonders bewegender Moment war der Bericht eines Polizisten über das verletzte Mädchen: "Sie war blass, hatte blaue Lippen und einen starren Blick. Ich habe angenommen, dass sie bereits tot war. Sie atmete nicht mehr."
Gedenken am ersten Jahrestag
Am Freitag jährt sich der Anschlag, bei dem neben der Mutter und ihrem Kind 44 weitere Demonstranten verletzt wurden, einige davon lebensgefährlich. Die Stadt München und die Gewerkschaft Verdi laden um 13 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung am Tatort Seidlstraße ein.
Oberbürgermeister Dieter Reiter betont: "Das Leid und die Folgen des Anschlags begleiten unsere Stadt bis heute – am Jahrestag werden Schmerz und Erinnerung besonders spürbar." Verdi bezeichnet den Angriff als schwersten auf eine gewerkschaftliche Veranstaltung in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands.
Das Landgericht München hat weitere Verhandlungstermine bis zum 12. August 2026 anberaumt. Der Prozess wird am 26. Februar fortgesetzt.



