Unglück am 7. April 1976: „Wir sind um unser Leben gerannt“
Am 7. April 1976 stürzte eine sowjetische Militärmaschine in eine Gartenanlage in Merseburg. Nun hat sich eine Augenzeugin bei der MZ gemeldet, die damals Grundschülerin der Curie-Schule war und den Absturz aus nächster Nähe erlebt haben will. Welche Erinnerungen sie an das Unglück hat.
Von Luise Mosig, Aktualisiert: 18.05.2026, 12:59
Die einzigen heute bekannten Fotos des Unglücks am 7. April 1976 hat Reiner Ose gemacht, der gerade an der Straßenbahnhaltestelle Merseburg-Stadtpark wartete. (Foto: Reiner Ose)
Merseburg/MZ. – Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass ein sowjetisches Militärflugzeug in die Gartenanlage „Gut Grün“ in Merseburg-Nord stürzte. Augenzeugenberichte gibt es einige, ein Großteil davon zusammengetragen von den Merseburger Geschichtsinteressierten Christine Winter-Schulz und Robert Schmidt. Doch nun hat erstmals eine Augenzeugin, die sich nach eigenen Angaben als Teil einer Schulgruppe der nahegelegenen Curie-Schule zum Zeitpunkt des Absturzes in der Kleingartensiedlung aufhielt, ihre Beobachtungen der MZ geschildert.
Erinnerungen einer Zeitzeugin
Sylke Arnold lebt heute in Zeitz, stammt aber aus Merseburg und wuchs in einem der Blöcke in der Reinefarthstraße auf. Nachdem eine Bekannte sie auf den MZ-Artikel von Anfang April aufmerksam gemacht hatte, wurden die Erinnerungen an den 7. April 1976 bei der Mittfünfzigerin wieder präsenter. Denn weg waren sie nie, wie sie im Gespräch mit der MZ berichtet. „Das vergesse ich nie. Ich kriege das nicht aus dem Kopf.“
Entweder mit dem Hort oder im Rahmen der Ferienspiele sei sie an diesem Frühlingstag in der Gartenanlage gewesen, erzählt Sylke Arnold. Sie müsse in der ersten oder zweiten Klasse gewesen sein. „Wir sind in der Kindergruppe mit zwei Erziehern in diese Anlage, um uns die Gärten anzugucken.“ Sie hätten die Anlage gerade erst betreten, da habe es plötzlich einen großen Knall in unmittelbarer Nähe gegeben.
„Es war eine Explosion, ein riesengroßer Feuerball. Wir sind einfach nur um unser Leben gerannt.“ Teile des Flugzeugs seien direkt neben ihr heruntergekommen. In ihrer Erinnerung habe die Maschine schon gebrannt, als sie vom Himmel fiel. Das deckt sich mit anderen Augenzeugenberichten, die die Situation so darstellen, dass schwarzer Rauch am Heck der Maschine zu sehen war. „Ich dächte, dass es die vordere Spitze des Fliegers war, mit der die Maschine zuerst in die Gartenanlage krachte“, meint Sylke Arnold.
Schock und Flucht
Dass die Kinder unmittelbar nach dem Unglück von russischen Soldaten über die naheliegende Kasernenmauer auf den Flugplatz gehoben wurden, wie es eine andere Augenzeugin einmal Robert Schmidt berichtet hatte, daran kann sich Sylke Arnold nicht erinnern. Nur, dass alle zurück Richtung Schule gerannt seien. „Wir waren schockiert und wollten einfach nur nach Hause. Eine Mutti hat uns dann abgeholt, mich an die Hand genommen mit noch einem anderen Kind, was in meinem Block wohnte, wo meine Mutti heute noch wohnt.“
Und obwohl es streng verboten war, seien sie und weitere Kinder aus Neugier später noch einmal am Absturzort gucken gewesen, erinnert sich die Augenzeugin. „Es war alles verbrannt, voller Asche und die Nase des Fliegers steckte immer noch drin“, so ihre Erinnerung.
Alltag mit Militärlärm
Wie viele damalige Bewohner von Merseburg ist auch für Sylke Arnold der Lärm der Starts und Landungen auf dem Militärflugplatz Teil ihrer Kindheitserinnerungen. „Die sind immer über das ganze Wohngebiet gedonnert.“
Vermutlich war es eine zweisitzige Schulungsmaschine vom Typ MIG 21, die an diesem Tag vom Himmel stürzte. Die Bevölkerung wurde von offiziellen Stellen nie informiert, was geschehen war. Offenbar war es großes Glück, dass keine Unbeteiligten zu Schaden kamen. Es heißt, dass Angehörige der Fliegergarnison am Jahrestag des Unglücks stets Blumen am Absturzort niederlegten.



