Film »Gentle Monster« über Pädokriminelle: Regisseurin und Hauptdarstellerin im Gespräch
»Gentle Monster«: Regisseurin und Hauptdarstellerin im Gespräch

Film »Gentle Monster« über Pädokriminelle: »Mir war vorher nicht klar, dass ich sicher auch Täter kenne«

Wie soll eine Frau reagieren, wenn der eigene Mann wegen Kindesmissbrauchs verhaftet wird? Regisseurin Marie Kreutzer und Schauspielerin Jella Haase über einen Film, der ihr Menschenbild veränderte.

18.05.2026, 18.03 Uhr

Ein Film, der unter die Haut geht

In Cannes feierte der Film »Gentle Monster« von Regisseurin Marie Kreutzer Premiere. Der Film erzählt die Geschichte einer Konzertpianistin, deren Ehemann plötzlich wegen Pädokriminalität verdächtigt wird. Kreutzer und Hauptdarstellerin Jella Haase sprechen im Interview über die Entstehung des Films und die Herausforderungen, die das Thema mit sich bringt.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

SPIEGEL: Frau Kreutzer, in Ihrem Film »Gentle Monster«, der in Cannes Premiere feiert, geht es um eine Konzertpianistin, die plötzlich erfährt, dass ihr Ehemann wegen Pädokriminalität verdächtigt wird. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Kreutzer: Ich habe im Sommer 2020 einen Artikel über eine große Ermittlung gelesen, da flog ein Pädophilenring in Nordrhein-Westfalen auf. Ich brauchte zwei Tage für den Text, weil das Thema so hart war. Aber es hat mich nachhaltig beeindruckt und den Ausschlag für die Recherche gegeben. Ich wusste über sexualisierte Gewalt gegen Kinder Bescheid, ich kenne selbst Opfer. Aber mir war bis dahin nicht klar, dass ich mit Sicherheit auch Täter kenne.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Kreutzer: Eines von fünf Kindern erfährt sexualisierte Gewalt. Dazu muss es auch die Täter geben – und zwar ist es üblicherweise nicht der unheimliche Typ hinter dem Busch, sondern ein Freund oder Kollege. Bei der Premiere unseres Films werden 3000 Menschen im Kinosaal sein. Bestimmt sitzen da drin auch Täter, es geht gar nicht anders.

Ein Perspektivwechsel

Der Film zwingt das Publikum, sich mit einer unangenehmen Frage auseinanderzusetzen: Wie würde ich reagieren, wenn mein Partner oder ein naher Freund plötzlich als Täter entlarvt würde? Kreutzer und Haase betonen, dass der Film nicht die Taten rechtfertigt, sondern die psychologische Komplexität der Situation zeigt. Haase sagt: »Es geht nicht um Verständnis für die Täter, sondern um die Zerrissenheit der Angehörigen, die plötzlich ihr gesamtes Leben infrage stellen müssen.«

Der Film ist kein Plädoyer für Milde, sondern eine Aufforderung, hinzuschauen und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Kreutzer hofft, dass der Film dazu beiträgt, die gesellschaftliche Tabuisierung von Pädokriminalität zu durchbrechen. »Wir müssen reden, auch wenn es weh tut. Nur so können wir Kinder besser schützen.«

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration