Gewalt in Partnerschaften: Wie Täter Frauen emotional manipulieren und binden
Viele Fälle häuslicher Gewalt werden niemals zur Anzeige gebracht, weil betroffene Frauen häufig unter Angstzuständen leiden oder sich für ihre Situation schämen. Doch welche konkreten Strategien wenden Täter an, um ihre Partnerinnen an sich zu binden und sie in einer gewaltvollen Beziehung zu halten?
Die erschreckende Statistik der Partnerschaftsgewalt
Zuletzt stieg die bundesweite offizielle Zahl der Opfer häuslicher Gewalt um bemerkenswerte 3,8 Prozent auf insgesamt 265.942 Fälle im Jahr 2024. Laut dem Bundeskriminalamt (BKA) handelte es sich bei knapp zwei Drittel dieser Fälle (64,3 Prozent) um sogenannte Partnerschaftsgewalt. Aktuelle Zahlen für das vergangene Jahr liegen bisher noch nicht vor.
Allerdings bilden die von der Polizei registrierten Übergriffe nur einen verschwindend kleinen Teil der tatsächlich verübten Gewalttaten ab. Dies belegen eindrücklich die Daten der sogenannten Dunkelfeldstudie im Auftrag der Bundesregierung. So hatte rund jeder sechste Befragte in seinem Leben bereits körperliche Gewalt durch den aktuellen Partner oder einen Ex-Partner erfahren müssen. Dennoch gingen nur etwa drei Prozent der Betroffenen später tatsächlich zur Polizei, um Anzeige zu erstatten.
Emotionale Abhängigkeit als zentrale Falle
Frauen, die in gewaltvollen Beziehungen leben, tun sich oft außerordentlich schwer, den Partner zu verlassen - und dies nicht nur aufgrund von wirtschaftlichen Zwängen. Die emotionale Abhängigkeit stellt eine der größten Hürden dar, erklärt Barbara Wittel von Pro Familia in Stuttgart.
„Wenn natürlich eine Frau finanziell unabhängig ist, hat sie es sehr viel leichter, vielleicht in einer anderen Stadt einen Job zu finden und sich ein neues Leben aufzubauen“, sagt Wittel, die Geschäftsführerin der Beratungsstelle ist. „Aber der finanzielle Aspekt kommt nach dem emotionalen Aspekt.“ Die betroffene Frau müsse auch unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Situation in der Lage sein, die notwendigen Schritte zu gehen - sich tatsächlich vom Partner zu lösen.
Strategien der Täter: Von Verzauberung zur Gewalt
Laut einer aktuellen Studie der renommierten britischen Cambridge-Universität verwenden Täter klare und berechnende Strategien, um Frauen emotional an sich zu binden und systematisch zu verunsichern. Demnach überschütten sie ihre Partnerinnen zunächst mit überwältigender Hingabe und intensiver Liebe, verhalten sich dann plötzlich grausam, später oft sogar gewalttätig - und zeigen zwischen diesen Phasen immer wieder extrem liebevolle Verhaltensweisen.
„Diese Beziehungen beginnen mit einer Phase der Verzauberung“, erläutert Hauptautorin Mags Lesiak präzise. „Der darauffolgende Zwang und der systematische Missbrauch sind so verwirrend und widersprüchlich, dass die Opfer verzweifelt versuchen, das anfängliche idealisierte Bild ihres Peinigers aufrechtzuerhalten.“
Liebe werde in diesen Beziehungen bewusst erzeugt und dann als psychologische Waffe eingesetzt, um eine Form der psychischen Gefangenschaft zu schaffen. „Wie bei den Opfern in dieser Studie deutlich wird, kann dies Frauen auch ohne jeden physischen oder finanziellen Zwang an ihre Peiniger binden“, betont die erfahrene Kriminologin.
Die Ausnutzung von Kindheitstraumata
Alle für die Studie interviewten 18 Frauen hatten zudem von unterschiedlichen Kindheitstraumata berichtet, die von emotional distanzierten Eltern bis hin zu sexuellem Missbrauch reichten. Die Täter hätten wiederum diese Traumata der Frauen - und häufig auch ihre eigenen Kindheitserfahrungen - gezielt dazu benutzt, die Partnerinnen abzuwerten oder vor anderen Personen in peinliche Verlegenheit zu bringen.
Wenn es darum gehe, das Fortbestehen missbräuchlicher Beziehungen wissenschaftlich zu erklären, unterstreiche die Studie - veröffentlicht im Fachblatt „Violence against women“ - die dringende Notwendigkeit, sich stärker auf die manipulativen Strategien der Täter zu fokussieren, anstatt auf vermeintliche Defizite der Opfer.
Eine neue Perspektive für Forschung und Praxis
Paola Delgado Klamroth vom Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen betont nachdrücklich, dass die Studie eine wichtige neue Perspektive einführe, die in der zukünftigen Forschung unbedingt berücksichtigt werden sollte. „Es geht hier um die komplexe psychische Manipulation durch den Täter aus der unmittelbaren Sicht der Opfer, was auch sehr bereichernd für das Verständnis, die Prävention und die Behandlung von Opfern häuslicher Gewalt ist“, sagt sie. Natürlich seien Ergebnisse solcher qualitativen Studien nicht immer direkt verallgemeinerbar.
Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Täterarbeit Häusliche Gewalt lobt grundsätzlich den innovativen Ansatz der Studie. Sie leiste einen wertvollen Beitrag für ein besseres Verständnis von Gewaltdynamiken in Paarbeziehungen und mache deutlich, wie wichtig der systematische Einbezug von Betroffenenperspektiven in der wissenschaftlichen Forschung ist, schreibt die BAG in ihrer Stellungnahme.
„Aufgrund der geringen Stichprobengröße lassen sich aus unserer Sicht allerdings nur schwer generalisierbare Erkenntnisse ableiten“, heißt es weiter kritisch. „Die Schlussfolgerungen auf Basis der zitierten Interviewpassagen erscheinen in Anbetracht der Komplexität des Themas zum Teil etwas gewagt.“ So weist die BAG darauf hin, dass es methodisch schwierig sei, aus den Erkenntnissen von lediglich 18 Interviews klare Täterprofile oder bestimmte Mechanismen als Kernelemente von Zwangskontrolle abzuleiten.
Aus der Praxis: Wenn Frauen keine eigene Meinung mehr haben dürfen
Die Stuttgarter Pro Familia-Expertin Barbara Wittel kennt die in der Studie beschriebenen Täterstrategien auch aus ihrer langjährigen praktischen Arbeit mit Betroffenen. Der erste deutliche Hinweis auf eine toxische Beziehung sei häufig, wenn die Frau keine eigene Meinung mehr haben dürfe, sagt die erfahrene Traumatherapeutin. „Das würde die natürliche Differenz zwischen zwei eigenständigen Personen zeigen, und diese Differenz wird in solchen Beziehungen überhaupt nicht ausgehalten.“ Stattdessen müsse sich die eine Person vollständig der anderen unterordnen.
Um Frauen aus ihren gewalttätigen Beziehungen tatsächlich herauszuhelfen, brauche es vor allem einen vertrauensvollen Kontakt zu einer anderen Person außerhalb des gewalttätigen Systems, betont Wittel. Jemand, der ihnen Mut mache, der deutlich sage: Ich sehe dich und deine Situation. In den seltensten Fällen würden Frauen von sich aus und aus eigenem Antrieb in ein Frauenhaus kommen. „Einen solchen Kontakt außerhalb des gewalttätigen Systems zu haben, das wäre in manchen Fällen tatsächlich lebensrettend.“ Meistens seien die betroffenen Frauen durch die manipulativen Partner systematisch von ihren Familien und früheren Freunden isoliert worden.
Ein Fallbeispiel: Ellas Weg aus der Gewalt
Im konkreten Fall von Ella - die in Wirklichkeit anders heißt - führte letztlich eine zweite, ungewollte Schwangerschaft die junge Frau zu Pro Familia. Sie ließ die Schwangerschaft nach reiflicher Überlegung abbrechen, berichtet Wittel. Noch ein weiteres Kind mit ihrem gewalttätigen Partner Martin habe sich Ella unter den gegebenen Umständen nicht vorstellen können. Nach dem Abbruch setzte die junge Frau die professionelle Beratung kontinuierlich fort.
Die Beraterinnen hätten sie darin unterstützt, ihren gewalttätigen Partner endgültig zu verlassen und einen sicheren Ort für sich und ihr erstes Kind zu finden, erklärt Wittel. Die Frau lebt heute mit ihrem Kind in einem geschützten Frauenhaus und hat den ersten Schritt in ein gewaltfreies Leben geschafft - ein Prozess, der ohne externe Unterstützung kaum möglich gewesen wäre.



