Missbrauch im Segelverein: Wie ein Trainer jahrelang unentdeckt blieb
Missbrauch im Segelverein: Trainer jahrelang unentdeckt

In einer Sommernacht des Jahres 2015 in Schweden, fernab von Hamburg und den Eltern, lag der elfjährige Jona in einer Jurte am See. Die Kinder schliefen in Schlafsäcken, die Köpfe zur Zeltwand, die Füße zur Mitte. Tagsüber hatten sie gesegelt, Holz gehackt und Verstecken gespielt. Ein Betreuer las aus „Huckleberry Finn“ vor, dann löschte er das Licht. Die meisten Kinder schliefen, doch Jona war wach.

Er hörte Atemzüge, das Knacken im Wald. Neben ihm bemerkte er, dass der junge Mann ebenfalls wach war. Dann öffnete sich langsam ein Reißverschluss. Eine Hand tastete in seinen Schlafsack, strich über Schulter und Rücken. Jona lag still, erstarrt. Er war elf Jahre alt und verstand nicht, was geschah. Die Hand griff unter seine Kleidung, zog den Stoff herunter. Dann nahm der Mann Jonas Hand und führte sie an seinen eigenen Körper, bewegte sie minutenlang auf und ab, bis Jona etwas Warmes auf seinen Fingern spürte.

So schildert es Jona heute. So steht es in einem Urteil des Landgerichts Hamburg vom April 2025. In jener Nacht sagte Jona nichts. Nicht nur, weil ein Kind keine Worte für solche Taten hat, sondern weil der Täter sein Trainer war, dem er vertraute. „Er war für mich wie ein großer Bruder“, erinnert sich Jona.

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Der Täter und die Opfer

Der Mann, hier Aaron Kroll genannt (Name geändert), war bei der Sommerfahrt 19 Jahre alt. In den folgenden acht Jahren missbrauchte er weitere Jungen im Alter von etwa 10 bis 14 Jahren, alle mit kindlichem Körperbau, ohne Schambehaarung und vor dem Stimmbruch, wie das Gericht feststellte. Täter und Opfer waren Mitglieder eines kleinen Hamburger Segelvereins, in dem jeder jeden kannte und man aufeinander aufpasste.

Wie konnte der Missbrauch unentdeckt bleiben?

Hinweise auf die Neigungen des Trainers gab es seit Jahren. Jugendliche dichteten Spottverse über ihn: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Aaron mit dem geklauten Kind.“ Man lachte darüber, ohne zu glauben, dass darin eine grausame Wahrheit steckte.

Der SPIEGEL sprach mit Vereinsmitgliedern, Eltern, Anwälten der Nebenkläger und einer Psychologin. Viele ließen sich täuschen, andere sahen, was sie nicht sehen wollten. Der Verein und die handelnden Personen bleiben anonym.

Jona ist heute Anfang zwanzig, Student, ein kräftiger Mann mit blassem Gesicht und fester Stimme. Lange schwieg er, bis ihn das Erlebte einholte und die Sorge um weitere Opfer. In seiner WG blättert er durch ein Fotoalbum einer Segelreise. „Das ist Aaron“, sagt er und zeigt auf einen hageren Mann mit rotbraunen Haaren, Dreitagebart und eckiger Brille, der einen Strohhut trägt und lächelt.

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