Wenn das Kopfkino Krimis produziert
Ein kahlrasierter, tätowierter Zweimeterriese kniet neben einer alten Frau, die am Boden liegt. Er hält ihre Hand, redet leise auf sie ein. Drei Passanten zücken sofort das Handy – nicht um den Rettungsdienst zu rufen, wohlgemerkt, um zu filmen. Schwindel, oder trügt der Schein?
Was keiner sehen will: Die Frau hatte einen Schwindelanfall. Der Mann hilft ihr auf und wartet auf den Krankenwagen. Während die Gaffer noch überlegen, ob sie zuerst posten oder zuerst helfen sollen, hatte er längst seine Jacke unter ihren Kopf geschoben. Zwei Meter, Tattoos, alte Frau am Boden: Das muss Gewalt sein. Dass Fürsorge genauso aussehen kann, kommt im Kopfkino nicht vor. Da läuft bei uns nämlich nur ein Genre: der Krimi.
Das Riesenmesser am Gartenzaun
Nächste Szene, selbes Prinzip. Ein Mann zerrt ein schreiendes Kind über den Supermarktparkplatz. Die Kleine brüllt, strampelt, schlägt um sich. Eine Frau am Einkaufswagen greift zum Telefon. Was sie nicht wissen kann: Der Mann ist der Vater und die Tochter will das Schokoladeneis sofort und nicht erst zu Hause. Der Vater hat Nein gesagt. Daraus ist, wie bei Vierjährigen üblich, ein Zusammenbruch von biblischem Ausmaß geworden.
Und dann der Nachbar, der seit einer Viertelstunde mit einem großen Messer vor meinem Gartenzaun steht. In einem Film würde jetzt die Musik einsetzen. Im echten Leben schneidet er seinen Fliederbusch zurück. Die Astschere sieht auf Entfernung nur bedrohlicher aus als nötig.
Ein Plädoyer für mehr Nachdenken
Der Vater auf dem Parkplatz war übrigens ich. Und weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn fremde Menschen einen für einen Verbrecher halten, während man nur versucht, ein Kind ohne Schokoflecken und ohne zornbegründeter Selbstverletzung nach Hause zu bringen, könnte ich etwas lernen. Bei solchen Szenen vielleicht mal kurz nachdenken, bevor im Kopf die Titelmelodie vom Tatort einsetzt?
Unsere Gesellschaft neigt dazu, aus harmlosen Alltagssituationen dramatische Geschichten zu stricken. Dabei übersehen wir oft die einfache Wahrheit: Nicht jeder große, tätowierte Mann ist gewalttätig, nicht jeder schreiende Vater entführt sein Kind, und nicht jedes große Messer ist eine Waffe. Manchmal ist es nur eine Astschere. Es wäre an der Zeit, öfter innezuhalten und den Schein zu hinterfragen, bevor wir urteilen.



