Gisèle Pelicot plant Gefängnisbesuch bei Ex-Mann: „Ich wollte nie die arme kleine Frau sein“
Pelicot plant Gefängnisbesuch bei Ex-Mann nach Vergewaltigungsprozess

Gisèle Pelicot: Vom Opfer zur Aktivistin – Ein Gefängnisbesuch als nächster Schritt

Kurz vor der weltweiten Veröffentlichung ihrer Memoiren hat Gisèle Pelicot dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ ein erstes umfassendes Interview gewährt. Die 73-jährige Französin erlangte internationale Bekanntheit, als sie 2024 auf einem öffentlichen Gerichtsverfahren gegen mehr als fünfzig Männer bestand. Ihr damaliger Ehemann Dominique Pelicot hatte sie über Jahre hinweg unter Drogen gesetzt und Fremde eingeladen, die bewusstlose Frau zu vergewaltigen.

Die Kraft der Öffentlichkeit und ein ungewöhnlicher Wunsch

Im Gespräch mit dem „Spiegel“ beschreibt Pelicot ihren aktuellen Zustand nach dem Prozessende: Die schlimmste Phase liege hinter ihr. „Diese Geschichte hat mich zu einer Bestandsaufnahme meines Lebens gezwungen“, erklärt sie. Heute erlaube sie sich wieder Momente des Glücks. Überraschenderweise hat sie sogar wieder einen Partner gefunden. „Ich hätte mir nie vorstellen können, mich noch einmal zu verlieben. Es existiert ein Weg aus der Dunkelheit heraus“, so Pelicot.

Obwohl sie seit dem Bekanntwerden des Falls jedes Interviewangebot abgelehnt und Auszeichnungen zurückgewiesen hatte, erscheint nun ihr Buch in zwei Dutzend Ländern. Ihre Motivation sei klar: „Was passiert ist, kann ich ohnehin nicht vergessen.“ Das Schreiben habe ihr geholfen, nicht im Schmerz zu verharren. Mit ihrer Geschichte wolle sie anderen Menschen Hoffnung geben – dass selbst nach dem Schlimmsten ein Weiterleben möglich sei.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

„Eine Hymne an das Leben“ – Der ungewöhnliche Titel ihrer Memoiren

Der Titel ihrer Memoiren lautet „Eine Hymne an das Leben“. Eine Formulierung, die für ein Missbrauchsopfer ungewöhnlich erscheint, wie der „Spiegel“ anmerkt. Doch genau das gefalle Pelicot. Sie habe nie die „arme kleine Frau“ sein wollen, wie sie teilweise dargestellt worden sei. Traurigkeit sei zwar vorhanden, dürfe aber nicht alles beherrschen.

Die innere Kraft, die Pelicot im Gerichtssaal zeigte, führt sie auf ihre Familiengeschichte zurück. Ihre Mutter sei schwer erkrankt, als Pelicot noch ein Kind war – trotzdem habe sie stets gelächelt und nie geklagt. Mit neun Jahren verlor Pelicot die Mutter. Später starben auch Bruder und Vater „viel zu früh“. Als einzige Überlebende ihrer Familie habe sie sich damals gesagt: „Mir kann nichts Schlimmeres mehr widerfahren, nichts wird mich jemals brechen können.“

Die Dimension des Missbrauchs und der Weg in die Öffentlichkeit

Die volle Dimension des Missbrauchs erfuhr Pelicot erst 2020 durch einen Polizeikommissar: Über achtzig Männer hatte ihr Ehemann kontaktiert. Drei Tage später stand die damals 68-Jährige am Pariser Bahnhof Gare de Lyon – mit zwei Koffern und ihrem Hund. Mehr sei nicht geblieben. Das Haus habe sie verlassen müssen, nicht allein wegen der Erinnerungen. Viele Täter seien damals noch frei gewesen und hätten ihre Adresse gekannt.

Die Entscheidung für ein öffentliches Verfahren reifte vier Jahre lang, erzählt Pelicot. Anfangs wollte sie die Anonymität wahren, niemand sollte von ihrem Schicksal erfahren. Wie alle Betroffenen solcher Taten habe sie sich „fürchterlich geschämt“. Den Wendepunkt beschreibt sie als Erkenntnis bei einem Spaziergang: Ein nicht öffentlicher Prozess wäre das größte Geschenk an die Täter gewesen. Niemand hätte gesehen, was geschehen war.

Die Herausforderungen des Prozesses

Ihre Anwälte hätten eine Bedingung gestellt: Sie müsse sich vor dem Prozess die Videoaufnahmen ansehen, um nicht vor Gericht zusammenzubrechen. Über eine Videokonferenz betrachtete sie mit Anwalt Stéphane Babonneau die Ausschnitte. Obwohl ihr Herz raste, habe sie sich alles ohne Pause angesehen.

Pelicot beschreibt die Aufnahmen so: „Ich wirke wie eine Stoffpuppe, mit schlaff herunterhängenden Wangen und einem Körper, aus dem jede Spannung entwichen war.“ Sie konnte zu Beginn kaum glauben, dass sie selbst das war. Später, während der Videovorführungen im Gericht, schaute Pelicot auf ihr Smartphone: Fotos von Stränden, Enkelkindern, Landschaften habe sie sich angeschaut. Ihr Gehirn habe etwas anderes gebraucht, um der Situation zu entkommen.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Zerbrochene Familienstrukturen und der Wunsch nach Wahrheit

Pelicot habe früh versucht, die Jahrzehnte ihrer Ehe nicht pauschal zu verurteilen. Rückblickend sagt sie: Ein komplettes Leben lasse sich mit siebzig Jahren nicht neu erfinden. Sie benötige bestimmte Erinnerungen, um weiterzuleben. Deshalb halte sie daran fest, dass fünf gemeinsame Jahrzehnte nicht ausschließlich Betrug gewesen sein können. Die Liebe zu ihrem Mann, drei gemeinsame Kinder, viele glückliche Momente – das alles habe es gegeben.

Ihre Kinder sehen das anders: Für sie habe sich der Vater sofort in ein Monster verwandelt. Der Mann, der sich um sie gekümmert hatte, existierte plötzlich nicht mehr. Pelicot beschreibt das so: Gemeinsames Leid schweißt nicht automatisch zusammen. Bei ihrer Familie sei es „wie eine Explosion, die alles mit sich riss“ gewesen.

Besonders zerrüttet ist das Verhältnis zur Tochter Caroline. Monatelang herrschte Funkstille zwischen ihnen. Caroline wirft der Mutter vor, sie nicht als Opfer anzuerkennen – auch von ihr existieren kompromittierende Fotos. Die Tochter vermutet, selbst missbraucht worden zu sein. Heute telefonieren Mutter und Tochter täglich, doch Pelicot räumt ein: „Ich glaube, wir brauchen noch Zeit.“ Caroline warte auf Antworten, die bisher ausblieben. Mit solchen Zweifeln zu leben sei „wie eine ewige Hölle“.

Ein letztes Gespräch im Gefängnis

In ihrem Buch äußert Pelicot einen ungewöhnlichen Wunsch: Sie möchte Dominique Pelicot im Gefängnis besuchen. Seit November 2020 habe sie kein direktes Gespräch mit ihm geführt, auch während des Prozesses nicht. Sie benötige noch Antworten – auch für ihre Tochter Caroline. „Er muss mir die Wahrheit sagen.“ Beantragt habe sie den Besuch bislang nicht, hoffe aber auf ein Treffen im Herbst.

Bereut habe sie die Öffentlichkeit nie, im Gegenteil. Ohne Journalisten und Zuschauer wäre sie mit ihren Anwälten und Kindern den Angeklagten schutzlos ausgeliefert gewesen. In ihren Memoiren beschreibt sie, wie wichtig die Unterstützung war. „Diese Menschenmenge hat mich gerettet“, zitierte die Zeitung „Le Monde“ vorab aus dem Buch.

Pelicots Memoiren erscheinen am 17. Februar weltweit in 22 Sprachen. Der deutsche Titel lautet „Eine Hymne an das Leben“, herausgebracht vom Piper Verlag.