Polizei-Graffiti-Team München: Task-Force gegen Sprayer mit beeindruckenden Motiven
Im Polizeikommissariat 23 in der Landshuter Allee in München operiert eine spezielle Graffiti-Einheit, die sich der Bekämpfung illegaler Sprühaktionen widmet. Das Team besteht aus Beamten der Bundespolizei, die für Bahnhöfe und Gleise zuständig sind, sowie Mitarbeitern der Polizei München, die den städtischen Raum überwachen. In einem exklusiven Interview mit der AZ gewähren zwei Vertreter dieser Einheit tiefe Einblicke in ihren Arbeitsalltag, ihre Methoden und ihre Perspektive auf die kontroverse Kunstform.
Zwei Zuständigkeitsbereiche mit unterschiedlichen Herausforderungen
Carsten Pfeifer von der Bundespolizei erklärt: „Die Bundespolizei ist für alle Gleise der Deutschen Bahn im Raum München sowie benachbarte Landkreise verantwortlich, also praktisch das gesamte S-Bahnnetz. Pro Jahr bearbeiten wir bis zu 1000 Anzeigen in diesem Bereich.“ Der Großteil dieser Delikte bleibt unaufgeklärt, da die Ressourcen begrenzt sind.
Dorothea Birner von der Polizei München ergänzt: „Bei uns gibt es spezielle Sachbearbeiter für städtische Unternehmen wie die MVG und für Anzeigen gegen Unbekannt. Tags an Stromkästen, Bushaltestellen oder Gebäuden gehören zu unserem Alltag.“ Beide betonen, dass sie primär Schreibtischarbeit leisten und als Berater für Streifenbeamte fungieren.
Datenbanken und Beweissicherung als Schlüssel zum Erfolg
Das Team verwaltet eine umfangreiche Datenbank mit Bildmaterial, um Schriftzüge und Motive zu vergleichen. Birner erläutert: „Wir versuchen, Verbindungen zu finden und Identitäten aufzudecken. Wenn ein Schriftzug eindeutig erkennbar ist, zählt das vor Gericht als Beweis.“ Die Ermittler konzentrieren sich hauptsächlich auf junge Leute zwischen 15 und 25 Jahren im Stadtbereich, während die Bundespolizei oft erfahrenere Sprayer erwischt.
Finanzielle Konsequenzen und jährliche Schäden
Pfeifer warnt: „Wegen Graffiti landet niemand im Gefängnis, aber Geldstrafen und Schadensersatzforderungen können schnell fünfstellig werden. Die Deutsche Bahn hat ein spezialisiertes Anwaltsteam, das das Maximum herausholt.“ Die finanziellen Schäden sind beträchtlich:
- Im S-Bahn-Bereich: etwa eine Million Euro pro Jahr
- Bei der Münchner U-Bahn: knapp 200.000 Euro jährlich
Privateigentümer und Hausverwaltungen melden zusätzliche Schäden, die nicht in dieser Statistik erfasst sind.
Reinigungsprozesse und Hotspots in München
Die Regel besagt, dass getaggte Bahnen innerhalb von 48 Stunden gereinigt werden müssen. Pfeifer räumt ein: „In der Praxis fahren viele Züge länger besprüht, da die S-Bahn München nicht genug Ersatzfahrzeuge hat. Nur bei extremen Verschmutzungen oder Sichtbehinderungen werden Waggons sofort aus dem Verkehr gezogen.“ Die U-Bahn der MVG hingegen wird konsequent und direkt gereinigt.
Hotspots für Graffiti befinden sich häufig an Endhaltestellen. Birner beobachtet: „Streiks oder Umbaumaßnahmen im S-Bahnnetz laden Sprayer geradezu ein, da dann Züge rumstehen.“ Die Polizei München kann innerhalb von drei bis fünf Minuten am Tatort sein, während die Bundespolizei auf Zusammenarbeit mit Sicherheitskräften der Deutschen Bahn angewiesen ist.
Veränderungen in der Graffiti-Szene und Fußball-Ultras
In den vergangenen Jahren hat sich die Szene deutlich gewandelt. Birner stellt fest: „Es sind wesentlich mehr Graffitis geworden, aber die Qualität hat extrem abgenommen. Fußball-Graffitis explodieren in ihrer Masse – hier geht es um Fanzugehörigkeit, nicht um Ästhetik.“ Fußball-Ultras gelten als problematischer, da sie gewaltbereit sind und Motive anderer Sprayer übermalen.
Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen und persönliche Motivation
Die Einsatzmittel wie Hubschrauber werden primär zur Gefahrenabwehr eingesetzt. Birner betont: „Im Bahnbereich besteht hohes Verletzungsrisiko durch Starkstromleitungen und Züge mit 150 km/h. Wenn die Stammstrecke gesperrt werden muss, wollen wir das schnell auflösen.“ Pfeifer fügt hinzu: „Sicherheit kostet. München sieht deshalb so sauber aus, während andere Städte mit weniger Budget vollgeschmiert sind.“
Beide Ermittler arbeiten gerne in diesem Bereich. Pfeifer, seit 2009 im Team, schätzt die detektivische Arbeit: „Die Schriftzeichen und Codes sind spannend. Man fühlt sich wie ein echter Detektiv.“ Birner, mit Hintergrund in der Jugendarbeit, schätzt die friedliche Atmosphäre: „Es gibt kaum Gewalt, und die Täter haben meist noch eine Zukunft.“
Beeindruckende Motive und denkwürdige Einsätze
Trotz ihrer Arbeit zeigen beide Verständnis für die Kunstform. Birner gesteht: „Auf jeden Fall! Manche Motive sind wirklich beeindruckend.“ Pfeifer ergänzt: „Die Donnersberger Brücke, das alte Betonmonster, sieht mit etwas Farbe tatsächlich besser aus.“ Sein denkwürdigster Einsatz führte zur Entdeckung eines winzigen Schriftzugs auf einer Modelleisenbahn, der als entscheidender Beweis diente.
Das Graffiti-Team der Polizei München bleibt wachsam, während die Sprayer-Szene sich weiterentwickelt. Mit Datenbanken, enger Zusammenarbeit und einem Mix aus Prävention und Verfolgung kämpfen sie gegen die illegale Beschmierung der Stadt – ohne dabei die künstlerische Seite völlig zu ignorieren.



