Großrazzia in Berlin: Polizei sucht Schusswaffen, findet gefälschte Handtaschen
Es ist ein Kampf, den Berlin entschlossen führt: gegen das gefährliche Schießen auf den Straßen. Im vergangenen Jahr wurde 1119 Mal scharf geschossen oder mit einer Schusswaffe gedroht – durchschnittlich dreimal täglich. Am kühlen Abend bereitet sich Berlins Innensenatorin Iris Spranger (63, SPD) mit einem dicken schwarzen Daunenmantel auf ihre erste Live-Razzia im Amt vor. „Ich will jetzt dabei sein, muss ja immer im Parlament berichten“, erklärt sie und betont ihr Mantra: „Null Toleranz beim illegalen Waffenbesitz!“
17 Lokale unter Verdacht
Während Einsatzkräfte auf dem Polizei-Areal Friesenstraße eingewiesen werden, erkunden Aufklärer in Zivil in Neukölln und Kreuzberg Cafés, Wettarenen und Shishabars. Insgesamt stehen 17 verdächtige Adressen auf der Liste. Per WhatsApp geben sie Informationen an wartende Kollegen weiter – etwa zur Anzahl der Personen vor Ort oder möglichen Hinterausgängen. Die Entscheidungen werden fernab im 5. Stock des LKA (Tempelhofer Damm) getroffen, wo die Spezialeinheit „Ferrum“ (Eisen) als Hirn der Razzia agiert. Diese Einheit, gegründet Mitte November, umfasst aktuell 63 Dienstkräfte und soll in den nächsten Wochen auf 110 aufgestockt werden.
Draußen lauert eine Hundertschaft mit Helm, Visier und Masken in Fahrzeugen auf Befehle, unterstützt von den Schäferhunden „Dämon“ (7) und „Vito“ (2), dem Zoll und Expertinnen vom Finanzamt Lichtenberg. Insgesamt sind 110 Einsatzkräfte im Einsatz. Selbst die eher kleine Innensenatorin Spranger muss sich bücken, um in ein Versteck eines Cafés an der Flughafenstraße zu kriechen. Dort macht der Zoll einen Fund: rund 30 gefälschte Designertaschen und unversteuerte E-Zigaretten ohne deutschen Warnhinweis mit 20-fach erhöhter Dosierung.
Bilanz der Spezialeinheit und Forderungen
Während der Razzia wird Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel (60) von Kollegen der Hass-Song „Soko Ferrum“ des Gangsta-Rappers Undacava aufs Handy geschickt. Erfreulicher ist eine andere Nachricht: Drei Tatverdächtige, die am Sonntag auf einen Mann (38) in der Ebersstraße in Schöneberg schossen und ihn ins Gesäß trafen, wurden von Ferrum-Leuten in Hessen aufgespürt und sitzen seit Freitagabend in U-Haft.
Die Bilanz der Spezialeinheit seit Mitte November umfasst:
- 819 überprüfte Lokale
- 3010 kontrollierte Fahrzeuge
- 5254 Identitätsfeststellungen
- 281 Ermittlungsverfahren
- 16 vollstreckte Haftbefehle
- 26 beschlagnahmte scharfe Schusswaffen
- 468 Stück scharfe Munition einkassiert
Innensenatorin Spranger betont: „Ich dulde keine bewaffneten Auseinandersetzungen in unserer Stadt.“ Sie fordert schärfere Gesetze vom Bund: Schreckschusswaffen sollten einen Kleinen Waffenschein erfordern, und illegaler Waffenbesitz müsse vom Vergehen zum Verbrechen hochgestuft werden, um Observationen und Handyüberwachungen zu ermöglichen.
Hintergründe und weitere Funde
40 Prozent der Schießereien in Berlin gehen auf türkisch-kurdische Schutzgeld-Erpressungen durch Clans zurück, 60 Prozent auf sogenannte Ehrverletzungen, alte Rechnungen oder Revierkämpfe. Bei einem Ortswechsel zur Balcone Lounge in Kreuzberg, wo früher Schusswaffen bei Gästen gefunden wurden, entscheidet die Polizei aus Gründen der Verhältnismäßigkeit gegen Personenkontrollen, da nur Partyvolk anwesend ist. In der Küche werden jedoch drei Illegale entdeckt, die zur erkennungsdienstlichen Behandlung müssen, und im Keller finden sich 7 Kilo unverzollter Shisha-Tabak.
Die Razzia dauerte bis nach Mitternacht, wobei 21 Protz-Autos kontrolliert wurden (19 Anzeigen, einmal fehlte die Pflichtversicherung). Die Waffen-Bilanz: vier Messer, aber keine Schusswaffen. Polizeipräsidentin Slowik Meisel erklärt: „Im Grunde müssen wir sie jetzt ziehen lassen. Aber wir müssen den Weg der Waffen aufklären können.“ Oft stammen diese aus dem Darknet, türkischen Quellen oder einer Fabrik in Tschechien, wo Zierwaffen scharfgemacht werden.



