True Crime: Faszination und Verantwortung eines boomenden Genres
True Crime: Faszination und Verantwortung

True Crime boomt: Ob als Podcast, Doku, Netflix-Serie oder Bühnenshow – die Faszination für wahre Verbrechen zieht Millionen in ihren Bann. In Köln widmet sich dem Genre nun sogar eine ganze Ausstellung: „Serienkiller – Die True Crime Ausstellung“ öffnet am 8. Mai und bietet begehbare Kulissen sowie Virtual-Reality-Elemente. Doch hinter dem Unterhaltungswert stehen reale Betroffene und ein verzerrtes Bild von Kriminalität.

Ein Genre mit langer Tradition

Der Eindruck eines plötzlichen Hypes täuscht. Philipp Fleiter, Podcaster von „Verbrechen von nebenan“, erklärt: „Die Leute sind im Mittelalter auf den Marktplatz gelaufen, um sich Hinrichtungen anzusehen. ‚Aktenzeichen XY‘ läuft seit Jahrzehnten. Die Faszination für Verbrechen gab es immer schon.“ Als er 2019 seinen Podcast startete, war das im deutschsprachigen Raum dennoch neu – angetrieben von der eigenen Faszination für „dunkle Themen“.

Warum wir True Crime lieben

Das Publikum ist groß und überwiegend weiblich. Gina Rosa Wollinger, Professorin an der Hochschule für Polizei NRW, sieht Podcasts als Treiber des Booms: „Wir holen uns freiwillig Krimis ins Wohnzimmer.“ Die Mischung aus realen Ereignissen und sicherer Distanz macht den Reiz aus. Fleiter vergleicht es mit einer Achterbahnfahrt: „Man geht an seine Grenzen, weiß aber, dass einem nichts passieren kann. Der Realitätsbezug macht einen besonderen Reiz aus.“

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Realität oder verzerrtes Bild?

Doch bilden True-Crime-Formate die kriminologische Realität ab? „Eigentlich gar nicht“, sagt Wollinger. Schwere Verbrechen wie Mord kommen überproportional häufig vor, während Alltagsdelikte wie Diebstahl oder Einbruch unterrepräsentiert sind. Dies verzerrt die Wahrnehmung: Taten erscheinen oft als ausgeklügelte Pläne mit fremden Tätern. In Wirklichkeit, so Wollinger, „findet der Krimi im sozialen Nahraum statt“ – Täter stammen meist aus dem Umfeld. Auch die Opferauswahl folgt Klischees: „Die Opfer sind oft jung und weiblich, was viel aussagt.“

Verantwortung der Macher

Die Art der Berichterstattung beeinflusst das Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft. Fleiter ist sich dieser Verantwortung bewusst: „Es ist eine riesengroße Verantwortung. Ich kann die Kritik an dem Genre gut nachvollziehen.“ Er betont, dass seine Fälle nur einen Ausschnitt der Realität zeigen. Maria Schnelle vom Weißen Ring NRW kritisiert, dass die Grenze des Zumutbaren oft überschritten werde: „Geschädigte und Angehörige werden nicht gefragt oder informiert. Wenn sie zufällig über ihren Fall stolpern, kann das traumatisierend wirken.“

Empowerment für Betroffene

Manche Betroffene empfinden es jedoch als Empowerment, ihre Geschichte zu teilen. Fleiter berichtet, dass Menschen aktiv auf seinen Podcast zukommen, um über Erlebtes zu sprechen. „Es erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl. Man darf nie vergessen, dass es keine fiktionalen Geschichten sind, sondern Schicksale dahinterstehen.“

Die Kölner Ausstellung mag unterhaltsam sein, doch sie wirft auch Fragen auf: Wie viel Sensationslust verträgt die Gesellschaft? Und wie können Opfer geschützt werden? True Crime bleibt ein Balanceakt zwischen Faszination und Verantwortung.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration