Zeuge im Magdeburg-Prozess: Attentäter raubt mir jede Nacht den Schlaf
Die Geschichten der Opfer der verheerenden Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt könnten kaum unterschiedlicher sein. Dennoch verbindet sie alle eine gemeinsame, schmerzhafte Erfahrung: Jeder einzelne Betroffene teilt sein Leben seither in ein Davor und ein Danach ein. Am Montag schilderte ein Mitarbeiter der Firma „Pipi-Meyer“ vor dem Landgericht Magdeburg auf bewegende Weise, wie der geständige Attentäter Taleb al-Abdulmohsen (51) sein Leben unwiderruflich zerstört hat.
Ein Toilettenwagen als lebensrettender Zufall
Horst S. (62), ein gelernte Gleisbauer aus Magdeburg, trat als Nebenkläger vor der Schwurkammer auf. Er erinnerte sich an den 20. Dezember 2024, den Tag des Attentats, der sechs Menschen das Leben kostete und über 300 Personen verletzte. „Ich wollte gerade Nachschub an Seife und Toilettenpapier holen“, berichtete der Zeuge. Eine Frau, die dringend eine Toilette benötigte, rettete ihm unbewusst das Leben. „Ich bin zurückgegangen, um ihr schnell noch einmal den Toilettenwagen aufzuschließen.“ Dieser scheinbar banale Umstand bewahrte den Magdeburger vor dem direkten Aufprall des Tatfahrzeugs.
„So war ich zwei bis drei Meter entfernt, als das Auto durch die Gasse donnerte. Doch ich erlebte das Grauen unmittelbar mit: Ich hörte die entsetzten Schreie, sah Menschen, die zur Seite sprangen, und andere, die durch die Luft geschleudert wurden.“ Der Schock war so tiefgreifend, dass Horst S. regungslos auf der Straße sitzen blieb. Seit diesem traumatischen Ereignis kann der 62-Jährige nicht mehr arbeiten. „Ich habe danach nur noch die Toilettenschlüssel zurückgegeben – und das war es dann. Dieses Trauma werde ich nicht mehr los.“
Schwere psychische Folgen bestimmen den Alltag
Der Nebenkläger leidet unter massiven psychischen Belastungen, die seinen Alltag dominieren. „Ich fühle mich permanent unsicher, habe regelmäßig Panikattacken und werde von Flashbacks heimgesucht.“ Das Schlimmste sei jedoch der anhaltende Schlafentzug. „Seit der Tat schlafe ich nicht mehr richtig. Der Angeklagte hat mir buchstäblich den Schlaf geraubt. Ich werde seither jede Nacht nach zwei oder drei Stunden wach. Dann ist an weiteres Schlafen nicht mehr zu denken.“
Der forensische Psychiater Jörg Twele, Leiter des Maßregelvollzugs in Uchtspringe, begutachtete Horst S., um die langfristigen Folgeschäden für das Gericht in einem umfassenden Gutachten zu dokumentieren. Diese psychischen Verletzungen zählen zu den unsichtbaren Wunden des Attentats, die bei vielen Betroffenen ebenso tief sitzen wie körperliche Verletzungen.
Hungerstreik des Angeklagten verschärft Situation
Parallel zu den Zeugenaussagen verliert der geständige Attentäter Taleb al-Abdulmohsen aufgrund eines anhaltenden Hungerstreiks täglich etwa ein Kilogramm Körpergewicht. Laut Anstaltsärztin passen die Handschellen kaum noch um seine deutlich abgemagerten Arme. Dieser körperliche Verfall des Angeklagten steht im starken Kontrast zu den dauerhaften psychischen Narben, die er bei den Opfern hinterlassen hat.
Der Prozess am Landgericht Magdeburg verdeutlicht einmal mehr, dass die Folgen solcher Gewalttaten weit über die unmittelbaren körperlichen Verletzungen hinausreichen. Für Horst S. und viele andere Opfer bedeutet das Attentat eine lebenslange Zäsur, die ihr Sicherheitsgefühl, ihre Arbeitsfähigkeit und ihre grundlegendsten Bedürfnisse wie den Schlaf nachhaltig beeinträchtigt.



