Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus: „Nie wieder“ darf keine Floskel sein
Jedes Jahr im Mai wird an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Politiker legen Kränze nieder, Schulklassen sind involviert, und alle Redner wiederholen gebetsmühlenartig, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Antisemitismus und Rassismus dürften keinen Raum bekommen, die Demokratie müsse verteidigt werden. Das klingt alles richtig, aber irgendwie funktioniert es offensichtlich nicht, das Gesagte in den Alltag zu übertragen.
Wo sind die Vertreter heutiger Opfergruppen?
Das beginnt bei den Gedenkveranstaltungen selbst. Wer Ausgrenzung glaubhaft verurteilen will, sollte neben Geistlichen aus Christen- und Judentum auch einen muslimischen Vertreter einladen. Muslime sollen sich zu Antisemitismus und gegen Extremismus bekennen, bekommen aber zumindest im Rahmen solcher Gedenkveranstaltungen dazu keine Gelegenheit.
Genauso sieht es mit Vertretern anderer Gruppen aus, die in der Zeit des Nationalsozialismus zu Opfern geworden sind, wie beispielsweise Sinti und Roma oder Homosexuelle. Die Letzteren sind heute zwar im größten Teil der Bevölkerung anerkannt, anders sieht es aber mit denjenigen aus, die sich als transidentitär begreifen, sich also entweder keinem oder einem anderen als ihrem körperlichen Geschlecht zuordnen.
Aus Gedenken wächst nicht automatisch Empathie
Ausgerechnet in einer Schule, die viel Zeit in Gedenkstättenarbeit investiert, wird ein transidentitäres Mädchen gemobbt, und das ist kein Einzelfall. In den Schulen unseres Landes wird viel über Demokratie, Ausgrenzung und Rassismus geredet, und trotzdem haben nach Ansicht vieler Elternvertretungen nahezu alle Schulen ein Mobbingproblem, weil Schüler aufgrund von Äußerlichkeiten gemieden, beschimpft oder sogar körperlich bedroht werden.
Auch die politischen Parteien schmücken sich mit Initiativen gegen Ausgrenzung und für Demokratie, dennoch findet man Ausländer oder Behinderte in der Kommunal- und Landespolitik nur selten. Das liegt möglicherweise daran, dass sie zwar gerne als Empfänger politischer Wohltätigkeit instrumentalisiert werden, nicht aber als Mitglied der Zivilgesellschaft, deren Erfahrung allen nutzen könnte.
Insgesamt wäre es also wünschenswert, wenn wir uns bei den Gedenkveranstaltungen nicht nur selbst zuhören, sondern das Gesagte auch authentisch mit Leben füllen würden. Denn das könnte verhindern, dass „Nie wieder“ nicht zu einer inhaltsleeren Floskel verkommt.



