Zocken gegen den Bankrott: Die DDR und ihr Millionen-Videospielautomat
In den wirtschaftlich angespannten 1980er Jahren suchte die DDR verzweifelt nach neuen Einnahmequellen. Eine ungewöhnliche Idee war die Entwicklung eines eigenen Videospielautomaten namens Poly-Play, der dem Staat Millionen Mark einbringen sollte. Das Projekt wurde intensiv vom Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) begleitet, das sowohl die Technikbeschaffung als auch die Produktion überwachte.
Wirtschaftliche Ambitionen und politische Ziele
Der Leiter der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt rechnete dem Stasi-Chef Erich Mielke vor, dass bereits 100 Exemplare bis zu 30 Millionen Mark im Jahr erwirtschaften könnten. Sogar der Export in den Westen, das sogenannte Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, war geplant. Laut Bundesarchiv sollte der Poly-Play mit hohen Einspielergebnissen zur Erfüllung der Wirtschaftspläne beitragen. Diese Überlegungen zeigen, wie prekär die finanzielle Lage der DDR eingeschätzt wurde, besonders nachdem die Sowjetunion ihre günstigen Erdöllieferungen gekürzt hatte.
Neben wirtschaftlichen Interessen verfolgte die SED-Führung auch politische Ziele. Sie wollte die Bevölkerung mit dem Automaten zufriedenstellen, um im Sinne Erich Honeckers Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik das System zu stabilisieren. Die Nachfrage nach Spielautomaten wurde als systemrelevant eingestuft, da in anderen sozialistischen Staaten bereits ähnliche Geräte erfolgreich eingesetzt worden waren.
Technische Umsetzung und Spieleauswahl
Ab Mitte der 1980er Jahre wurde der Poly-Play im VEB Kombinat Polytechnik und Präzisionsgeräte Karl-Marx-Stadt produziert. Der Automat verfügte über einen 8-Bit-Mikroprozessor und acht fest integrierte Spiele. Darunter waren Titel wie Hirschjagd oder Hase und Wolf, die stark an westliche Vorbilder erinnerten – letzteres galt als Ost-Variante des Klassikers Pac-Man. Eine Runde kostete 50 Pfennig, und der Automat wurde für 22.000 Mark verkauft, allerdings nicht an Privatpersonen, sondern an öffentliche Einrichtungen wie den Palast der Republik.
Siegfried Gehlert, Leiter der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt, berichtete stolz an Mielke, dass der Prototyp innerhalb von drei Monaten entwickelt worden sei und völlig frei von Bauelementen aus dem Westen war. Das Gehäuse des ersten Musters wurde aus Abfallspanplatten der Möbelindustrie gefertigt und später von einem Formgestalter überarbeitet.
Begrenzter Erfolg und historische Bewertung
Bis zum Ende der DDR wurden etwa 2000 Exemplare in verschiedenen Ausführungen hergestellt. Wie viele Einnahmen tatsächlich generiert wurden, bleibt unklar, aber sie reichten nicht aus, um die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Die Bundeszentrale für politische Bildung bewertet die Investitionen in den Poly-Play und andere Computerprojekte als schwerwiegenden Fehler. Der verspätete Aufbau einer eigenständigen Mikroelektronik war nie konkurrenzfähig und verschlang Milliardenbeträge ohne positive Effekte.
Heute können Spiele wie Hirschjagd oder Hase und Wolf am PC nachgespielt werden, aber nur wenige originale Automaten haben überdauert. Ein Exemplar befindet sich im Computerspielemuseum Berlin, das auch für Wanderausstellungen gemietet werden kann. Der Poly-Play bleibt damit ein faszinierendes Relikt aus einer Zeit, in dem die DDR mit unkonventionellen Mitteln gegen den drohenden ökonomischen Zusammenbruch kämpfte.



