Streng kontrollierte Pressearbeit: Israels Militär bestimmt den Blick auf Gaza
Für internationale Journalistinnen und Journalisten ist eine unabhängige Berichterstattung aus dem Gazastreifen seit dem 7. Oktober 2023 praktisch unmöglich. Der Zugang wird ausschließlich durch streng reglementierte Touren gewährt, die vom israelischen Militär begleitet und kontrolliert werden. Selbst dieser Bericht musste vor der Veröffentlichung die israelische Militärzensur passieren.
Geführte Tour durch eine Kriegslandschaft
SPIEGEL-Reporter Thore Schröder nahm an einer solchen Presseexkursion teil und schildert seine Eindrücke von einer tiefgreifend veränderten Topografie. "Ich war heute das erste Mal überhaupt in einem Hamas-Tunnel in Gaza und ich fand es erstaunlich, wie gut ausgebaut dieser ist", so Schröder. "Genauso erstaunt fast, wie viele Kilometer Tunnel noch im Boden in Gaza sind. Schockiert hat mich, wie groß die Zerstörung ist."
Die israelischen Presseoffiziere präsentierten einen kürzlich entdeckten Tunnel, der mit Toilette und Schlafplatz ausgestattet war. Die Botschaft der Führung war eindeutig: Während Israel seinen Teil der Waffenruhevereinbarung erfülle, halte sich die Hamas nicht an die Abmachungen und stelle weiterhin eine Bedrohung dar.
Die "Gelbe Linie" als Trennungszone
Nadav Shoshani, Sprecher der israelischen Streitkräfte, erläuterte die aktuelle Strategie: "Wir graben systematisch an allen Orten, die östlich der gelben Linie liegen." Diese imaginäre Grenze teilt den Gazastreifen in einen von Israel kontrollierten östlichen Teil und einen von der Hamas dominierten westlichen Bereich. "Wir überprüfen die ganze Region, um sicherzustellen, dass die Zukunft von Gaza heißt: keine Terroristen über wie unter der Erde", betonte Shoshani.
Auf die Nachfrage, wie systematisch diese Überprüfung erfolge, antwortete der Militärsprecher knapp: "Systematisch." Er verwies auf weiterhin aktive palästinensische Kämpfer, die erst kürzlich aus einem Tunnel etwa einen Kilometer nördlich des besuchten Gebiets aufgetaucht seien.
Unmögliche unabhängige Berichterstattung
Die Situation verdeutlicht das grundlegende Dilemma: Journalisten sehen nur das, was die israelischen Streitkräfte zeigen wollen – vor allem Trümmerlandschaften und militärische Infrastruktur der Hamas. Eine eigenständige Recherche, die verschiedene Perspektiven einbezieht, bleibt unter diesen Bedingungen ausgeschlossen.
Für beide Konfliktparteien scheint ein dauerhafter Frieden derzeit in weiter Ferne zu liegen. Während Israel seine Sicherheitsinteressen mit strikter Kontrolle des Territoriums und der Informationswege durchsetzt, beharrt die Hamas auf ihrem Widerstand aus dem Untergrund. In diesem Spannungsfeld wird die Arbeit ausländischer Korrespondenten zur reinen Beobachtung unter Aufsicht, was grundlegende journalistische Prinzipien der Unabhängigkeit und Vielseitigkeit untergräbt.



