Maria Kalesnikava: 700 Bücher in Haft gelesen - Literatur als Freiheit im Gefängnis
Kalesnikava las 700 Bücher in Haft - Literatur als Freiheit

Maria Kalesnikava: Literatur als Rettungsanker in belarussischer Haft

Die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava hat während ihrer fünfjährigen Gefängnisstrafe mehr als 700 Bücher gelesen. In einem exklusiven Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Aachen, wo sie mit dem renommierten Karlspreis ausgezeichnet wurde, schilderte die 43-Jährige, wie Literatur ihr Überleben in der Haft ermöglichte.

Geistige Freiheit trotz physischer Isolation

"Mit Büchern fühlt man sich nie allein", betonte Kalesnikava nachdrücklich. "Es ist immer ein Dialog, eine intensive Diskussion mit den Autoren. Man befindet sich stets in herausragender Gesellschaft - man hat Shakespeare, Goethe, Hannah Arendt und viele andere bedeutende Denker an seiner Seite."

Die ehemalige Flötistin, die zu den führenden Persönlichkeiten der Massenproteste in Belarus nach der umstrittenen Präsidentenwahl 2020 gehörte, verbrachte etwa zweieinhalb Jahre in Isolationshaft. Besonders belastend war die dreijährige Phase ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt.

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"Ich erhielt keine Briefe von meiner Familie, keine Telefonanrufe, keine Pakete", erinnerte sich Kalesnikava. "Ich hatte einfach keinerlei Informationen von meiner Familie und meinen Freunden, und sie wussten ebenfalls nichts über mein Befinden."

Literatur als psychologische Überlebensstrategie

Doch gerade diese extreme Isolation ermöglichte ihr eine tiefe Konzentration auf die literarischen Werke. "In meinen Gedanken, in meiner Seele war ich dadurch keine einzige Minute im Gefängnis", erklärte die Bürgerrechtlerin. "Nur mein physischer Körper befand sich in der Zelle. Ich fühlte mich stets geistig frei, und diese mentale Freiheit half mir entscheidend dabei, alle schwierigen Jahre durchzustehen."

Kalesnikava wurde im September 2020 festgenommen und gehörte zu den mehr als 120 politischen Gefangenen, die der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko im Dezember vergangenen Jahres unter internationalem Druck freiließ. Seit ihrer Freilassung lebt die Aktivistin in Berlin.

Neues Leben in Freiheit

Heute genießt Kalesnikava bewusst die wiedergewonnene Freiheit. "An erster Stelle steht natürlich der Kontakt mit meiner Familie", berichtete sie. "Aber auch Musik, Konzerte und Ausstellungen bereiten mir immense Freude."

Die Rückkehr in den Alltag erforderte jedoch einige Anpassung. "Ich musste mich erst wieder an viele Dinge gewöhnen", gestand die Bürgerrechtlerin. "Etwa daran, mich im Straßenverkehr zu bewegen oder mit vielen Menschen gleichzeitig in einem Geschäft zu sein. Doch das ist eine reine Gewöhnungsfrage."

Erstaunt zeigte sich Kalesnikava über die technologischen Entwicklungen während ihrer Haftzeit. "Ich freue mich sehr, dass es in Deutschland jetzt langsam auch mit der Digitalisierung vorangeht", bemerkte sie mit einem Lächeln.

Ihre beeindruckende Leseleistung von durchschnittlich etwa 140 Büchern pro Jahr unter extremen Haftbedingungen zeigt nicht nur ihre außergewöhnliche Willenskraft, sondern auch die transformative Kraft der Literatur in menschenunwürdigen Situationen.

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