Streaming-Revolution: Wie internationale Dienste deutsche Serien verändert haben
Streaming-Dienste: Wie sie deutsche Serien veränderten

Streaming-Revolution: Wie internationale Dienste deutsche Serien verändert haben

Das Vorurteil hält sich hartnäckig: Deutsches Fernsehen und deutsche Serien seien eine Katastrophe. Doch stimmt diese Einschätzung überhaupt noch? Besonders angesichts der vielen internationalen Player, die seit Jahren den TV-Markt bereichern? Die Entwicklung begann vor rund einem Jahrzehnt und hat die Landschaft nachhaltig geprägt.

Der Beginn einer neuen Ära

Erinnert sich noch jemand an „You Are Wanted“ von und mit Matthias Schweighöfer? Im Frühjahr 2016 war dies die erste deutsche Serie, die von einem internationalen Streamingdienst in Auftrag gegeben wurde – die Veröffentlichung folgte dann im März 2017 bei Prime Video. Damals hieß es, dieser Thriller hätte so nicht bei einem klassischen Fernsehsender entstehen können.

Produzent Dan Maag betonte, dass mit Schauspielerin Alexandra Maria Lara eine Darstellerin an Bord sei, die für eine Serienproduktion im traditionellen TV nicht verfügbar gewesen wäre. Die redaktionellen Wege bei Amazon seien kürzer, die Entwicklung von der ersten Besprechung bis zur Fertigstellung habe mit knapp anderthalb Jahren vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch genommen.

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Das Versprechen lautete verkürzt: Streamingdienste sorgen schneller für spannendere Stoffe auf dem Bildschirm – und das mit mehr Stars. Nach rund zehn Jahren lohnt sich die Frage: Was blieb davon übrig? Hat die Ankunft der Streamer dem deutschen Serienmarkt tatsächlich gutgetan?

Internationale Sichtbarkeit und höhere Standards

„In vielerlei Hinsicht ja“, sagt Susanne Eichner von der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. „Streamingplattformen haben das Budgetniveau und die Produktionsstandards deutlich erhöht und damit dazu beigetragen, dass deutsche Serien international sichtbarer geworden sind“, erklärt die Professorin für Analyse und Ästhetik audiovisueller Medien.

Produktionen wie die weltweit erfolgreiche Netflix-Serie „Dark“ haben gezeigt, dass deutsche Serien komplex sein dürfen und gleichzeitig für ein lokales wie auch globales Publikum funktionieren können. Diese Entwicklung habe aber auch Kehrseiten, betont Eichner: „Beispielsweise arbeiten Streamingplattformen häufig mit Verträgen, bei denen die Verwertungsrechte weitgehend bei der Plattform bleiben.“

Produzentinnen und Produzenten erhielten zwar höhere Budgets, profitierten aber nur begrenzt von späteren internationalen Erlösen. „Kreativ hat der Markt also zunächst gewonnen – wirtschaftlich ist die Bilanz ambivalenter“, resümiert die Expertin.

Lerneffekte bei ARD und ZDF

Der Wettbewerb mit Streamingplattformen hat laut Professorin Eichner dazu geführt, dass öffentlich-rechtliche Sender stärker auf serielle Formate, innovative Stoffe und Mediatheken setzten. „Man sieht mehr Versuche, neue Genres auszuprobieren und jüngere Zielgruppen anzusprechen. Ohne den Einfluss der Streamingplattformen hätte es einige Serienformen im deutschen Markt wahrscheinlich so nicht gegeben.“

Gleichzeitig blieben ARD und ZDF natürlich einem anderen Auftrag verpflichtet als kommerzielle Plattformen. „Deshalb übernehmen sie einige erzählerische und produktionelle Impulse, aber nicht das gesamte Modell“, so Eichner. Als besonders gelungen bei den Streamern betrachtet die Professorin Serien, „die eine klare kreative Perspektive entwickeln und nicht einfach internationale Formate kopieren“.

Beispiele seien etwa „Unorthodox“ oder „Kleo“. Beide Netflix-Serien erzählten sehr spezifische Geschichten mit klarem kulturellen und lokalen Bezug und seien dabei mutig in Genre und Stil.

Erfolgsrezepte für internationale Publikumsgewinnung

„Ein internationales Publikum wird erreicht, wenn eine sogenannte transnationale Grammatik erfüllt wird“, erklärt Eichner, „etwa durch starke Genres, anschlussfähige Themen und eine überzeugende visuelle Umsetzung“. Deutsche Serien mit sehr großer Publikumsreichweite wie „Die Kaiserin“ (Netflix) oder „Maxton Hall“ (Prime Video) zeigten, dass deutsche Produktionen inzwischen weltweit ein Publikum finden können.

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Anhaltende strukturelle Herausforderungen

Dennoch ist seit der Ankunft der internationalen Streamer nicht alles bestens geworden. „Ein strukturelles Problem liegt weiterhin in der Entwicklung von Stoffen“, analysiert Eichner. In Deutschland werde die Serien-Entstehung oft noch immer stark von redaktionellen Abläufen geprägt.

In anderen Ländern seien häufiger Writers' Rooms üblich – also kollaborative, aber auch von Redaktionen und Gremien unabhängigere Autorenarbeit – außerdem klare Showrunner-Strukturen. Zugleich sei hierzulande die Diversität hinter der Kamera vergleichsweise gering, auch wenn sich in den letzten Jahren etwas bewegt habe.

„Mehr unterschiedliche kreative Stimmen würden wahrscheinlich auch zu größerer thematischer und stilistischer Vielfalt führen“, so die Medienwissenschaftlerin. Wünschenswert seien etwa Serien, die neue Perspektiven oder bewusst positive gesellschaftliche Entwürfe erzählten: „Gegenbilder zu den vielen dystopischen Narrativen, die derzeit den internationalen Serienmarkt prägen.“

Die ersten deutschen Fiction-Serien internationaler Streamer im Überblick zeigen die Entwicklung:

  • Prime Video: „You Are Wanted“ (März 2017)
  • Sky: „Babylon Berlin“ als erstes deutsches Sky Original – in Zusammenarbeit mit der ARD (Oktober 2017)
  • Netflix: „Dark“ (Dezember 2017)
  • Disney+: „Sam - Ein Sachse“ (April 2023)
  • Apple TV: „Where's Wanda?“ (Oktober 2024)
  • HBO Max: „Banksters“ (Februar 2026)

Insgesamt hat die Streaming-Revolution den deutschen Serienmarkt deutlich verändert – mit höheren Produktionsstandards, internationaler Sichtbarkeit, aber auch neuen wirtschaftlichen Abhängigkeiten und anhaltenden strukturellen Herausforderungen.