Streamingdienste bremsen den Serienmarathon aus: Warten statt Bingewatching
Jahrzehntelang bestimmte das lineare Fernsehen den Rhythmus der Serienfans: Eine Folge pro Woche, gefolgt von nervenaufreibenden Cliffhangern und gespannter Vorfreude. Mit dem Aufkommen von Streamingdiensten wie Netflix, Prime Video und Disney+ schien diese Ära vorbei. Sie boten ganze Staffeln auf einmal an und läuteten das Zeitalter des Bingewatching ein – dem durchgehenden Anschauen mehrerer Episoden am Stück.
Die Rückkehr zum klassischen Wochenrhythmus
Doch immer mehr Streaminganbieter vollziehen eine überraschende Kehrtwende. Statt kompletter Staffeln setzen sie wieder auf wöchentliche Folgen oder geteilte Staffelteile. Netflix veröffentlichte die letzte Staffel von Stranger Things im vergangenen Jahr in zwei Teilen mit mehreren Wochen Pause. Apple TV zeigt Erfolgsserien wie Severance oder Ted Lasso im klassischen Wochenrhythmus, HBO Max tut dies bei Hits wie Euphoria und Disney+ hält strikt an einer Folge pro Woche bei Marvel- und Star-Wars-Serien fest.
Marcus S. Kleiner, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH University of Applied Sciences in Berlin, kommentiert: „Es war die große Idee des Streamings: ein digitales Schlaraffenland, das auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten ist. Jetzt erleben wir eine dysfunktionale Umkehr dieses Versprechens.“
Ökonomische Gründe und digitale Debatten
Hinter diesem Trend vermuten Experten vor allem wirtschaftliches Kalkül. Streamingdienste sind monatlich kündbar, und eine Serie, die über zehn Wochen läuft, bindet das Publikum für drei Monate – was die Abonnentenzahlen stabil hält. „Es hat einen ökonomischen Grund, um die Abonnentenzahlen über einen längeren Zeitraum zu stabilisieren. Die Dienste stehen unter Druck durch die wachsende Konkurrenz“, erklärt Kleiner.
Zudem verlängert das wöchentliche Modell die Gesprächsdauer im Netz. Statt kurzer Diskussionen nach einem Serienmarathon entstehen lang anhaltende Debatten in Fangruppen, auf Reddit oder Tiktok. Jede Folge liefert neuen Stoff für Kommentare, Reaction-Videos oder Memes, was den digitalen Buzz verstärkt. Besonders in Reality-Shows wie Love is Blind hat dieses Prinzip System, da es die Anschlusskommunikation und Vermarktung fördert.
Ambivalente Reaktionen der Zuschauer
Für die Zuschauer bleibt die Entwicklung ambivalent. Einerseits kehrt durch die wöchentlichen Rhythmen eine Form der Vorfreude und des gemeinsamen Mitfieberns zurück. Andererseits vermissen viele das Freiheitsgefühl, sich eine Serie komplett auf einmal zu gönnen – ein Grundprinzip, das einst als Befreiung vom linearen Fernsehen gefeiert wurde.
Doch Kleiner glaubt nicht an einen dauerhaften Erfolg dieses Modells: „Das ist eine Zeitgeistbewegung, die getestet wird. Abonnenten werden das nur bei topaktuellen Produktionen mitmachen. Ich bezweifle, dass die Anbieter das flächendeckend durchhalten.“ Tatsächlich setzen Netflix und Prime Video bei vielen Formaten weiter auf das gewohnte Muster, wie bei Something Very Bad Is Going to Happen oder Young Sherlock, die komplett veröffentlicht wurden.
Das Streaming-Grundprinzip bleibt somit flexibel: Jeder schaut, was er will – manchmal jedoch mit etwas mehr Geduld.



