Bischof Heiner Wilmer: Ungewöhnlich offene Einblicke in das Leben eines Kirchenführers
Osnabrück • Seit seiner Wahl zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Ende Februar steht Bischof Heiner Wilmer aus dem Emsland im Fokus der Öffentlichkeit. Der 64-jährige Bischof von Hildesheim hat bisher noch kein umfassendes Interview gegeben, das tiefere Einblicke in seine Persönlichkeit ermöglicht hätte. Doch wer seine in den vergangenen Jahren veröffentlichten Bücher liest, kann bereits jetzt erstaunlich intime Details über seinen Glauben, seine Kämpfe und sein Privatleben erfahren.
1. Der zornige Bischof: Von Wutausbrüchen und Machtkämpfen
In seinem 2018 erschienenen Buch „Hunger nach Freiheit“ beschreibt Wilmer seine Anfangszeit als Schulleiter im emsländischen Handrup 1998. Als einer der jüngsten Schulleiter Deutschlands mit Ende dreißig war seine Autorität im Lehrerzimmer zunächst umstritten. „Ich habe in dieser Zeit einige Kämpfe aus- und durchgestanden, die manchmal auch mit harten Bandagen geführt wurden“, schreibt der Bischof rückblickend. Besonders mit einem Kollegen sei er heftig aneinandergeraten, wobei die genauen Gründe unklar bleiben.
Noch drastischer schildert Wilmer einen Wutanfall aus seiner Kindheit in Schapen. Als Neunjähriger habe er sich ein Zelt aus einer Siloplane gebaut, das sein jüngerer Bruder beim Spielen zum Einsturz brachte. „Ich griff nach einem Hammer, der vor der Zeltplane lag, und rannte, ohne ein Wort zu sagen, hinter ihm her“, erinnert sich Wilmer in seinem Buch „Gott ist nicht nett“ von 2013. Nur das beherzte Eingreifen seiner Mutter habe Schlimmeres verhindert.
2. Jugenderinnerungen: Rauschhafte Schützenfeste und befreite Ängste
In einem Kapitel über den kirchlichen Gebetsvers „Blut Christi, berausche mich“ denkt Wilmer über die Bedeutung des Wortes „berauschen“ nach und kommt dabei auf seine Jugenderfahrungen bei Schützenfesten zu sprechen. „Mit 17 oder 18 stand ich an der Theke. Laute Musik. Livebands. Party und Bier vom Fass“, schreibt er. Später in der Nacht wechselte man zu Cola mit Rum, wobei der Rumanteil stetig zunahm.
Wilmer betont, dass er solche Partys heute nicht mehr befürworte, erinnert sich aber daran, wie der Rausch ihm half, seine Hemmungen abzulegen. „Plötzlich konnte ich mit jedem reden, sprach alle Leute an. Lachte viel. War gut drauf – fand mich unwiderstehlich“, beschreibt er diesen Zustand der Befreiung von sozialen Ängsten.
3. Das Stottern: Eine lebenslange Wunde
Zu den prägendsten und schmerzhaftesten Erfahrungen seiner Kindheit gehört für Wilmer das Stottern. In seinen Büchern beschreibt er eine Schlüsselszene, in der ein Sprachtrainer in die Schapener Grundschule kam, um dem neunjährigen Heiner vor versammelter Klasse das Stottern abzutrainieren. Unter dem Feixen der Mitschüler musste er Sprechübungen absolvieren: „‚A-ra-bla-sa – O-ro-blo-so – U-ru-blu-su …‘, beginne ich, leise. Umso lauter schallt dafür das Gelächter der Mädchen und Jungen um mich herum“.
Diese Demütigung habe tiefe Spuren hinterlassen. Wilmer entwickelte Strategien, um problematische Wörter zu vermeiden, und sagt selbst: „Die Scham, die Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Wut und manchmal sogar der Hass, all diese Gefühle, die habe ich nicht vergessen“.
4. Die verbotene Liebe: Als junger Priester verliebt in eine Studentin
Besonders persönlich wird Wilmer in seinen Schilderungen über eine verbotene Liebe als junger Ordensmann. Nach seiner Priesterweihe 1987 verliebte er sich in eine Theologiestudentin, die Jeans und grüne Lederschuhe trug. „Ihre hohen Wangenknochen, ihre weite Stirn und die klar ausgeprägte Nase, das ebene Kinn und die deutlichen Lippen verliehen ihrem Gesicht eine klassische Harmonie“, erinnert er sich in „Gott ist nicht nett“.
Die beiden verbrachten immer mehr Zeit miteinander, diskutierten über Theologie und lachten über dieselben Witze. „Zwischen uns funkte es immer mehr“, schreibt Wilmer. „Erschrocken war ich über mich selbst, als ich begann, mir in meinen Tagträumen ein Leben mit ihr vorzustellen, ein Leben zu zweit und auch als Familie“.
Irgendwann brach die Frau den Kontakt ab, um beide zu schützen. Wilmer betont, dass er heute froh sei, sein Leben als Priester leben zu können, fügt aber hinzu: „Wenn ich darüber nachdenke, kann ich nur sagen: Es hätte auch anders ausgehen können“. Oder wie er es am Anfang desselben Buches formulierte: „Wenn es Jesus nicht gegeben hätte, wäre ich heute vielleicht Bauer, verheiratet, fünf Kinder, nettes Fachwerkhaus im Emsland …“.
Diese außergewöhnlich offenen Einblicke machen Heiner Wilmer zu einem ungewöhnlichen Vertreter des deutschen Episkopats. In einer Zeit, in der Transparenz und Authentizität in der katholischen Kirche besonders gefragt sind, bieten seine persönlichen Offenbarungen sowohl Einblick in menschliche Schwächen als auch in den Umgang mit diesen Herausforderungen aus glaubensbasierter Perspektive.



