Historisches Ereignis: Erstmals öffentliche Präsentation der Reliquien
In einem bewegenden Moment der Kirchengeschichte strömen seit Sonntag Tausende von Gläubigen zur päpstlichen Basilika San Francesco im historischen Zentrum von Assisi. Die katholische Kirche präsentiert dort erstmals die Gebeine des Heiligen Franziskus von Assisi, der vor fast 800 Jahren verstarb. Bisher kannte die Welt den berühmten Büßer des Mittelalters nur durch Gemälde, die ihn in seiner charakteristischen braunen Kutte mit schlichtem Strickgürtel zeigen.
Monumentaler Pilgerstrom zum Monte Subasio
Bereits in den frühen Morgenstunden bildete sich ein gewaltiger Strom von Verehrern, die zur Basilika am Hang des Monte Subasio in Mittelitalien pilgerten. Franziskanermönche hatten in einer feierlichen Prozession den durchsichtigen, kugelsicheren Sarg mit den Reliquien aus der Krypta in die Basilika überführt. Normalerweise ruht der Innensarg in einem Steinsarkophag verborgen – nun liegt er bis zum 22. März hinter Glas vor dem Hauptaltar zur öffentlichen Betrachtung aufgebahrt.
Wer war Franziskus von Assisi?
Franziskus von Assisi, geboren 1181 oder 1182 als Giovanni di Pietro di Bernardone, entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und führte zunächst ein luxuriöses Leben. Nach Kriegserlebnissen und einer tiefen Glaubenskrise wandte er sich jedoch radikaler Armut zu. Er verzichtete auf sein Erbe, predigte Buße, Frieden und Nächstenliebe und gründete 1209 den Orden der Minderen Brüder, der später als Franziskanerorden bekannt wurde. Der Heilige setzte sich unermüdlich für Arme, Kranke und Ausgegrenzte ein und betonte stets die Achtung vor der Schöpfung. 1224 soll er als erster Mensch die Stigmata, die Wundmale Christi, empfangen haben.
Nach seinem Tod am 3. Oktober 1226 wurde er bereits 1228 heiliggesprochen. Heute gilt Franziskus nicht nur als einer der bedeutendsten Heiligen der katholischen Kirche, sondern auch als Schutzpatron Italiens und des Umweltschutzes. Seine erdigbraune Kutte mit dem Gürtel, der drei Knoten für Armut, Gehorsam und Keuschheit symbolisiert, wurde zum Markenzeichen des Franziskanerordens.
Bis zu 400.000 angemeldete Besucher erwartet
Nach Angaben der Veranstalter werden in den kommenden vier Wochen täglich etwa 15.000 Besucher erwartet. Insgesamt haben sich bis zu 400.000 Verehrer für die Ausstellung angemeldet. 400 freiwillige Helfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung. Wegen des großen Andrangs können die Pilger jeweils nur wenige Augenblicke vor den Reliquien verharren – viele berühren kurz den durchsichtigen Sarg mit der Hand und bekreuzigen sich.
Höchster Besuch hat sich für den 6. August angekündigt: Dann will Papst Leo XIV. persönlich dem Büßer seine Referenz erweisen. Das Grab des Heiligen wurde bereits 1818 freigelegt, und die Knochen wurden mehrfach wissenschaftlich auf ihre Echtheit untersucht, zuletzt im Jahr 2015.
Geistliche Bedeutung in der Fastenzeit
Während Tausende Pilger die sterblichen Überreste betrachteten, feierte der spanische Kurienkardinal Ángel Fernández Artime am Sonntagvormittag in der Oberkirche der Basilika den Sonntagsgottesdienst. In seiner Predigt betonte er die besondere Verbindung zwischen der Reliquie in Assisi und der am Aschermittwoch begonnenen Fastenzeit als Gelegenheit zur Besinnung auf das Wesentliche. Die Kirche unterstrich, dass die Ausstellung den Gläubigen ein „unmittelbares, sinnliches Erlebnis“ ermöglichen solle.
Die Basilika San Francesco, die etwa 190 Kilometer nördlich von Rom liegt, erlebt damit eines der bedeutendsten religiösen Ereignisse der letzten Jahrhunderte. Für Gläubige aus aller Welt bietet sich die einmalige Chance, dem Heiligen Franziskus auf besondere Weise nahe zu sein.



