Rostocker Frauenhaus: Neubau verzögert sich um Jahre, während Bedarf dramatisch steigt
Rostocker Frauenhaus: Neubau verzögert sich um Jahre

Rostocker Frauenhaus: Neubau verzögert sich um Jahre, während Bedarf dramatisch steigt

Seit 1991 bietet das Frauenhaus in Rostock einen geschützten Rückzugsort für Frauen und ihre Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Doch die dringend benötigte Erneuerung und Erweiterung der Einrichtung lässt weiter auf sich warten, während der Bedarf konstant hoch bleibt und viele Betroffene abgewiesen werden müssen.

Baustart frühestens 2028 statt 2026

Bereits seit einem Jahrzehnt existiert die Idee für ein neues, zeitgemäßeres Frauenhaus in der Hansestadt. 2021 sprach sich die Rostocker Bürgerschaft einstimmig für den Neubau eines größeren und barrierefreien Gebäudes aus. Ursprünglich war ein Baubeginn für Ende 2026 geplant, doch dieser Zeitplan hat sich deutlich verschoben.

„Ein Baubeginn im benannten Zeitfenster ist unrealistisch“, teilt Stadtsprecher Ulrich Kunze mit. Aktuell liege lediglich eine Entwurfsstudie vor, die noch geprüft werde. Die Kosten für das Projekt werden im mittleren einstelligen Millionenbereich vermutet. Laut Ulrike Bartel, Geschäftsführerin des Trägervereins Stark Machen, habe die Stadt eine Verzögerung von etwa zwei Jahren kommuniziert.

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„Auch dass es den Beschluss gibt, dass die Stadt neu bauen will, ist einfach großartig, aber dass das alles so lange dauert, das nervt“, sagt Bartel. Die Unterstützung der Stadt sei seit Gründung des Frauenhauses groß gewesen, doch die langsame Umsetzung stelle ein ernsthaftes Problem dar.

Dramatische Platznot: 166 Frauen mussten 2025 abgewiesen werden

Die elf Zimmer des aktuellen Frauenhauses – jeweils nur 12 bis 15 Quadratmeter groß – sind durchgehend belegt. Frauen aller Altersklassen, darunter viele Migrantinnen mit geringen eigenen Ressourcen, finden hier Schutz. Doch die Kapazitäten reichen bei weitem nicht aus.

„2025 haben wir 26 Frauen aufgenommen und mussten 166 abweisen“, berichtet Ulrike Bartel. Teil des Problems sei der angespannte Wohnungsmarkt in Rostock, der dazu führe, dass Frauen manchmal über ein Jahr im Frauenhaus festsäßen und damit Plätze für akute Fälle blockierten.

Der Verein Stark Machen hat als Reaktion ein durch die Aktion Mensch gefördertes Projekt ins Leben gerufen, das Frauen bei der Wohnungssuche und beim Umzug unterstützt. Doch die grundlegende Platznot bleibt bestehen.

Bundesweites Problem trifft auch Mecklenburg-Vorpommern

Der Mangel an Frauenhausplätzen ist kein Rostocker Alleinproblem. In ganz Mecklenburg-Vorpommern existieren nur neun Frauenhäuser mit insgesamt 60 Plätzen. Die Istanbul-Konvention des Europarats empfiehlt hingegen einen Platz pro 10.000 Einwohner – für MV wären das 160 Plätze.

Auf Rostock heruntergerechnet ergäbe sich ein Bedarf von etwa 20 Plätzen, doppelt so vielen wie aktuell vorhanden. Das geplante neue Frauenhaus soll genau diese Kapazität bieten, doch die Verzögerungen verschärfen die Situation weiter.

Veraltete Infrastruktur und spezifische Bedürfnisse

Das aktuelle Gebäude entspricht nicht mehr den zeitgemäßen Anforderungen. Neben der fehlenden Barrierefreiheit gibt es weitere Probleme: Familien müssen sich kleine Zimmer mit mehreren Kindern teilen, Haustiere können nicht mitgebracht werden, und es fehlen separate Bereiche für Frauen mit jugendlichen Söhnen.

„Es geht nicht nur um Barrierefreiheit, sondern auch darum, den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden“, betont Bartel. Ideal wären Familienapartments und ein extra Eingang für Frauen mit jugendlichen Kindern, um Konflikte zu vermeiden und allen Bewohnerinnen ein sicheres Gefühl zu geben.

Finanzierung und Unterstützungsmöglichkeiten

Das Rostocker Frauenhaus wird durch Fördermittel des Landes und der Stadt finanziert. 2026 trägt die Stadt Rostock 280.000 Euro bei, das Land Mecklenburg-Vorpommern 142.000 Euro. Hinzu kommen etwa 58.000 Euro, die durch die Bewohnerinnen als Tagesmiete von rund 25 Euro aufgebracht werden.

Da Sachspenden aufgrund mangelnder Lagerungsmöglichkeiten aktuell nicht angenommen werden können, bietet der Verein Stark Machen auf seiner Website ein Online-Formular für Geldspenden an. Jede Unterstützung hilft, den Betrieb aufrechtzuerhalten und die dringend benötigten Verbesserungen voranzutreiben.

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Frauenhaus als lebensrettende Institution

Sechs Mitarbeiterinnen kümmern sich um die Bewohnerinnen, zwei davon speziell um die Bedürfnisse der Kinder. Neben psychosozialer Betreuung und Beratung für die Zeit nach der Gewalterfahrung gehören auch gemeinsame Unternehmungen zum Alltag im Frauenhaus.

„Wenn sie zu uns kommen, kein Wort herauskriegen, traumatisiert sind, Verletzungen haben und gebückt gehen und dann mit der Zeit im Frauenhaus aufblühen und ein Strahlen im Gesicht haben – das ist schön zu sehen“, beschreibt Bartel den Transformationsprozess.

Die Bedeutung der Einrichtung zeigt sich in bewegenden Rückmeldungen. Bartel berichtet von einem Brief einer Frau, die in den 1990er-Jahren mit ihrer Mutter im Rostocker Frauenhaus lebte und heute selbst Mutter ist. Sie schrieb, das Frauenhaus habe ihr und ihrer Mutter das Leben gerettet. „Wenn man solche Briefe bekommt, weiß man, warum man da ist und wozu wir dieses Haus haben“, sagt Bartel.

Das Rostocker Frauenhaus ist rund um die Uhr unter 0381/444506 oder per E-Mail erreichbar. Betroffene häuslicher Gewalt können sich auch an die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt & Stalking in Rostock wenden.