Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser. Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt. Haben Sie vielleicht ein wenig Zeit, über die vergangene Woche nachzudenken? Sehen Sie, wie einfach und schön es klingt, wenn man höflich miteinander umgeht. Das gelingt heutzutage leider nicht mehr jedem und überall. Es ist aber auch schwer. Irgendwie ist die Welt in der Stadt viel stressiger, und die Dinge, über die man sich ärgern kann, sind gefühlt zahlreicher. Aber muss man deshalb gleich in die Luft gehen?
Faule Schweine? Die Arbeiter an den Schlaglöchern
Glauben Sie mir, die Frage ist gar nicht so einfach. Aber man könnte, ja man sollte es auf jeden Fall anders machen als diejenigen, deren Opfern mein Kollege Dirk Skrzypczak in dieser Woche begegnet ist. Da wäre zunächst der Bautrupp, der gerade dabei ist, die Schlaglöcher der Stadt zu füllen. Eine Arbeit, bei der selbst der alte Sisyphos kapituliert hätte: Stein den Berg hoch, immer wieder – okay. Aber das? Die Meldungen, die wir auf unseren Aufruf hin für den Schlagloch-Atlas von Halle erhalten, reißen jedenfalls nicht ab. Auf der Teutschenthaler Landstraße wird zerbröselter Asphalt aufgeladen und die Straße geflickt. Dabei werden die Arbeiter von manchen Autofahrern übel beschimpft und gefährdet. Freuen würden wir uns über noch mehr grüne Punkte, aber die haben uns noch nicht erreicht. Dafür hat Kollege Skrzypczak dem Bautrupp über die Schulter geschaut. Und dabei wurde ihm erzählt, dass die zum Teil als „faule Schweine“ beschimpft werden. Okay, man kann sich über vieles ärgern – auch und gerade bei Schlaglöchern. Aber diejenigen, die gerade mit harter Arbeit das Problem beheben, auch noch zu beschimpfen: Das gehört zu den Dingen, bei denen mir die Höflichkeit abhanden kommt.
Lieber schimpfen, wenn keiner da ist
Nicht viel anders erging es in der Anfangszeit den Bauarbeitern auf der Baustelle am Rennbahnkreuz. Auch dort hat Kollege Skrzypczak vorbeigeschaut und Ähnliches gehört. Zumindest aus der Anfangszeit. Denn mit der Zeit gewöhnt man sich an alles – auch in Halle. Die neuen Brücken auf der B80 wachsen, die Behinderungen zwischen Altstadt und Halle-Neustadt sorgen seit fast einem Jahr für Staus. Gut, im Stau zu fluchen, da will ich mich nicht freisprechen. Auch an Baustellen. Aber das Fenster runterlassen, um die Arbeiter zu beschimpfen? Da schimpfe ich doch lieber laut und deutlich aus dem Fenster, wenn – wie oft auf anderen Baustellen – kein Arbeiter da ist!
Das Gute im vermeintlich Schlechten finden
Ohnehin bin ich der Meinung, dass wir alle positiver denken sollten. In Halle und auch von außen gucken alle immer ganz negativ auf Neustadt und auf die Architektur der DDR-Moderne. Wohlgemerkt nicht nur in der DDR – vergleichbare Bauten gibt es auch anderswo. In Neuperlach bei München zum Beispiel. Das wusste ich vor dieser Woche noch nicht. Kollegin Annette Herold-Stolze hat es erzählt, als sie über Guido Schwarzendahl berichtete. Der ist jetzt mit dem Landesdenkmalpreis von Sachsen-Anhalt ausgezeichnet worden. Schwarzendahl, heute Vorstand des Bauvereins Halle-Leuna, hat dort mal gelebt und später zwei Jahre in Neustadt. Seitdem weiß er die Vorzüge der modernen Großwohnsiedlungen zu schätzen, die als familienfreundliche Lebensmittelpunkte geplant wurden. Das hat er auch anderen vermittelt: Zwei Neustädter Hochhäuser aus dem Bestand der Genossenschaft – 2006 aus der AWG der Leunawerke und dem Bauverein für Kleinwohnungen hervorgegangen – sind inzwischen unter Denkmalschutz gestellt: in der Unstrutstraße das eine, in der Tangermünder Straße das andere. Unter anderem dafür wurde er ausgezeichnet. Verstehen Sie, was ich meine? Manchmal ist es eine Frage der Perspektive, ob man einfach nur schimpft oder gewinnt.
Wenn die Bäume wachsen, wächst der Verstand mit
Noch eine Geschichte, die mit Schimpf und Schande beginnt und gut endet, hat Kollegin Tanja Goldbecher in dieser Woche erzählt: die vom Trothaer Wäldchen. Großen Ärger gab es dort, weil 2.000 Robinien und 250 Pappeln verschwinden sollten. Der Waldumbau ist nun abgeschlossen. Die Eichen sind gut angewachsen. Der Wald brauchte den Platz, um den neu gepflanzten Eichen genug Licht und Raum zum Wachsen zu geben. Zwischenzeitlich hatte die Stadt wegen der Proteste sogar einen sechsmonatigen Baustopp verhängt. Dabei gelten die Eichen – anders als ihre Vorgänger – für die Tier- und Pflanzenwelt als ökologisch wertvoll. Die anderen wurden nur gepflanzt, weil sie so schnell wachsen. Bei den Eichen geht es langsamer, aber es geht. Kollegin Goldbecher hat sich das vor Ort zeigen lassen. Merke: Der Ärger lässt nach, wenn Sinn und Verstand auch für die eigenen Augen sichtbar werden. Hoffentlich zumindest.
Ein stressfreies, von Schimpftiraden verschontes und wunderschönes Wochenende wünscht Ihnen ausgesprochen höflich, Ihr Frank Klemmer.



