Ein Euro bitte: Als ich versehentlich bettelte und was ich daraus lernte
Ein Euro bitte: Als ich versehentlich bettelte

Manchmal reicht eine Handvoll Kleingeld, um die eigene Weltanschauung ins Wanken zu bringen. Reporter Matthias Lanin fragt sich, ob er so aussieht, als hätte er nichts zu essen. In Neubrandenburg erlebte er eine kuriose Begebenheit auf dem Parkplatz eines Supermarktes.

Der ewige Kampf mit dem Einkaufswagen

Kennen Sie das? Wenn man den Euro braucht, ist er verschwunden. Der Einkaufswagen kostet einen Euro. Das ist bekannt. Weniger bekannt: Die Münze ist nie da, wenn und wo man sie braucht. Der Schlüsselanhänger-Chip liegt zuhause, die Tasche ist voll Kleingeld – in jeder Stückelung außer der richtigen. Zusammen genau das Falsche. Also spreche ich Menschen an: „Haste mal nen Euro?“

Die Reaktionen der Passanten

Eine Frau sagt nein und ist weg. Ein älterer Mann sieht auf meine ausgestreckte Hand, weicht einen halben Schritt zurück und schüttelt den Kopf – langsam, als wäre die Münze etwas, das man besser nicht anfasst. Eine dritte Person zieht das Kinn ein, kneift die Augen zusammen und macht einen Bogen, so groß wie nötig. Mit jeder Absage wächst das Gefühl, in einer Stadt zu leben, in der man einfach weitergeht. Unfreundlich. Geizig. Ich bin kurz davor, innerlich einen Leitartikel zu verfassen.

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Die überraschende Erkenntnis

Dann sehe ich, was ich in der linken Hand halte: fünfzig Cent, zwei Zwanziger, ein Zehner – zusammengekratzt, bereitgehalten, dem Fremden hingestreckt. Genau so, wie man es macht, wenn man hofft, dass es reicht. Die drei hatten mich sehr genau gelesen. Dabei hätte ein einziger Blick auf meine Wampe gereicht, um zu wissen: Hunger leidet hier niemand. Beim nächsten Mal kaufe ich einem Bettler einen Kaffee. Er hilft nicht dabei, einen Einkaufswagen zu bekommen. Aber er macht wach genug, damit man nicht versehentlich betteln geht – so wie ich.

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